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03.07.2019 | von Jan Becker

Französische Atomindustrie in der Sackgasse

Die Fertigstellung des Prestigereaktors EPR verzögert sich weiter, schon in der Bauphase häufen sich Mängel. Parallel nimmt die Ablehnung der Franzosen gegen die Risikotechnik zu.

Atomkraftwerke in Frankreich
Es gibt noch viel abzuschalten: Atomkraftwerke in Frankreich

Acht längere Nähte in der Stahlhülle des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Flamanville sind undicht und müssen neu geschweißt werden, meldete vergangene Woche die französische Atomsicherheitsbehörde ASN. Um diese Reparaturen noch vor dem ersten Reaktorstart vornehmen zu können, müsse „wahrscheinlich eine zweite Sicherheitshülle aus teils meterdickem Beton abgetragen werden“, heißt es in den Medien. Laut ASN-Vorsteher Bernard Doroszczuk könne Flamanville-3 nun erst „Ende 2022 ans Netz gehen“. Damit muss der Stromkonzern Electricité de France (EDF) mindestens zwei weitere Jahre Verzögerung in Kauf nehmen. Bislang belaufen sich die Baukosten auf elf Milliarden Euro, dreimal mehr als ursprünglich geplant. Zusätzliche Steigerungen sind zu erwarten.

Das EPR-Debakel im eigenen Land knüpft an die finanzielle Katastrophe im finnischen Olkiluoto an. Dort baut EdF ebenfalls einen Europäischen Druckwasserreaktor, mittlerweile liegt die Baustelle etwa neun Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück. Die Kosten sind von ursprünglich drei auf 10,5 Milliarden Euro explodiert, die Gesamtverluste für EDF belaufen sich vermutlich auf mehr als sieben Milliarden Euro. Auch in Olkiluoto gab es schon in der Fertigungsphase Mängel: Beim Herstellen der ersten Fundamente wurde nicht der Spezifikation entsprechender Beton verarbeitet.

Am 2. Juli meldeten atomfreundliche Medien, dass Block 2 des Atomkraftwerks Taishan in der südchinesischen Provinz Guangdong zum ersten Mal Strom ans Netz abgegeben habe. Auch hier handelt es sich um einen Europäischen Druckwasserreaktor von EDF. Der erste EPR, Taishan-1, hatte den Betrieb im Sommer 2018 aufgenommen. Der Bau von Taishan-1 war 2009 begonnen worden und derjenige von Taishan-2 ein Jahr später. In China kam es auch zu Verzögerungen und Mehrkosten, die wegen geringerer Sicherheitsauflagen aber nicht so drastisch ausfielen: Die ursprünglich angenommenen Gestehungskosten haben sich auf etwa 3 Euro pro Watt fast verdoppelt. Nach dem Beginn der Reaktorkatastrophe von Fukushima wurden europäische Anlagenhersteller vielfach zum Nachbessern gezwungen. EDF ist in Taishan mit 30 Prozent finanziell beteiligt, auch diese Meiler laufen nicht rentabel, so Konzernchef Jean-Bernard Lévy.

Folgen nicht absehbar

Wegen erheblicher Defizite musste der französische Atomkonzern Areva den Hauptanteil (75 Prozent) seines Reaktorgeschäfts zum Jahreswechsel 2017/2018 an den staatlichen Stromversorger EdF abtreten. Zur Rettung des Atomkonzerns hatte der Staat zuvor 4,5 Milliarden Euro investiert.

Die „Schweißnaht-Affäre“ könnte den endgültigen Untergang des staatseigenen Unternehmens bedeuten. Großbritannien hat zwei EPR bestellt, schaut aber zunehmend skeptisch auf die Entwicklung der französischen Atompolitik. Großkunden wie Indien könnten abspringen. Intern wird bereits über eine Aufsplittung des Unternehmens nach deutschem Vorbild diskutiert: Die Atomkraftwerke würden in einen unattraktiven Konzernteil ausgelagert. Die Atombranche stecke in einer „Sackgasse“, schreibt nun etwa die Zeitung Le Monde. Schließlich sollten etliche der 58 alten Meiler durch „moderne“ EPR ersetzt werden.

Die Stimmung kippt

In Frankreich produzieren die 58 AKWs knappe 70 Prozent des Strombedarfs. Traditionell fanden die Reaktoren große Zustimmung, die nun aber bröckelt: In einer Umfrage vor einem halben Jahr war in Frankreich erstmals seit den 60er Jahren eine knappe Mehrheit von 53 Prozent gegen Atomkraft.

Frankreichs Regierung wäre also gut beraten, eine zügige Kursänderung vorzunehmen, statt weiter auf die Reaktor-Debakel zu setzen. Mitte Juni kündigte Premierminister Édouard Philippe zwar an, den ökologischen Wandel in den nächsten 12 Monaten „zu beschleunigen“. Bis 2035 soll der Anteil der Atomenergie auf 50 Prozent gesenkt und dafür Erneuerbare Energien, insbesondere Offshore-Wind, massiv ausgebaut werden. Doch außer Absichtserklärungen wie beispielsweise die Ankündigung der Schließung des alten, maroden AKW Fessenheim, wurde bisher nicht viel geliefert.

weiterlesen:

  • Bau neuer AKW ist „politisch motiviert“
    16.05.2019 - Der kürzlich veröffentlichte Report „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle die Atomkraft künftig in der Weltstromerzeugung und fürs Klima spielt. Der Bau neuer AKW sei „politisch motiviert“, denn künftige Meiler seien wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig, sagen die Expert*innen.

  • Atomindustrie befindet sich „in einer Nussschale“
    14.01.2019 - Der Trend setzt sich fort: Atomkraft verliert weltweit weiter an Bedeutung. AKW-Neubauprojekte sterben zudem an zu hohen Kosten.

Quellen (Auszug): saarbruecker-zeitung.de, klimaretter.info, world-nuclear.org, nuklearforum.ch, iaea.org/pris, iwr.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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