Bau neuer AKW ist „politisch motiviert“

16.05.2019 | Jan Becker

Der kürzlich veröffentlichte Report „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle die Atomkraft künftig in der Weltstromerzeugung und fürs Klima spielt. Der Bau neuer AKW sei „politisch motiviert“, denn künftige Meiler sind wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig, sagen die Expert*innen.

Windkraft-Anlage mit Anti-Atom-Fahnen
Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG

Es gibt immer weniger Länder auf der Welt, die sich für den Bau von neuen Atomkraftwerken entscheiden. Wie Dirk Uwe Sauer, Professor am Lehrstuhl für Elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik der RWTH Aachen und leitender Wissenschaftler des Projekts ESYS beschreibt, haben Länder mit liberalisierten Strommärkten – also solche, wo sich die Energiekonzerne auf dem freien Markt behaupten müssen und keine staatliche Unterstützung erwarten können - längst ihr Urteil über die Atomkraft gefällt. Neue Atomkraftwerke bedeuten eine hohe Investition, lange Planungs-, Genehmigungs- und Bauzeiten. Zusätzliches wirtschaftliches Risiko ist die geringe Konkurrenz auf dem Markt: Weltweit gibt es nur noch eine Handvoll Unternehmen, die überhaupt in der Lage sind, AKW zu errichten.

„In westlichen Ländern wurden Kernkraftwerke in den letzten Jahrzehnten nur noch geplant, wenn Staaten die Abnahme des Stroms garantieren oder in anderer Form unternehmerische Risiken übernehmen.“ (energiesysteme-zukunft.de)

Das Projekt ESYS bestätigt, was auch der kritische „World Nuclear Industry Report" einmal im Jahr beschreibt: Der Niedergang der Atomindustrie ist nicht aufzuhalten. Seit vielen Jahren werden kaum noch neue Reaktoren gebaut, laufende Arbeiten abgebrochen oder alte Anlagen wegen Unwirtschaftlichkeit abgeschaltet.

40 Jahre bis zur Wirtschaftlichkeit

Unter aktuellen Marktbedingungen vergehen vom Beginn der Planung eines AKW bis zu dessen Abschreibung mindestens 40 Jahre, heißt es dem kürzlich veröffentlichen Report. Über diesen langen Zeitraum bleiben die Stromgestehungskosten in der Anlage weitgehend konstant. Auf einem liberalisierten Strommarkt steigt damit das Absatzrisiko kontinuierlich und es müssen hohe Risikoaufschläge bei der Finanzierung in Kauf genommen werden. Weitere wirtschaftliche Risiken entstehen durch die unkalkulierbaren Kosten für die Atommüll-Lagerung oder durch mögliche Unfälle.

Professor Sauer schreibt in einem Gastbetrag im Tagesspiegel, dass in vielen Ländern Europas die Situation durch den Marktmechanismus der Strombörsen noch komplizierter - und für Atomkraftwerke unattraktiver - ist. Gekauft wird an den Börsen der Strom, der am günstigsten angeboten wird. Dort punkten seit Jahren vor allem die Erneuerbaren Energien, u.a. weil sie keine Brennstoffkosten haben. An manchen Tagen sinkt deren Preis durch Überschusse sogar ins Negative.

Die Bevorzugung und der stetige Ausbau der alternativen Kraftwerke führt zu einer Verdrängung der großen Grundlastkraftwerke, zu denen die AKW gehören. Je seltener die Grundlastkraftwerke laufen, desto weniger refinanzieren sich deren Baukosten.

„Daher werden auch neue AKW-Typen – sogenannte „AKWs der 4. Generation“ – als Technologie mit hohen Investitionskosten im zukünftigen Energiemarkt kaum wirtschaftlich sein“, so Sauer.

AKW-Bau nur „politisch motiviert“

Die Antwort auf die Frage, warum trotzdem neue Atomkraftwerke gebaut werden, ist also nicht „günstige Energieversorgung“. Auch „CO2-freier“ Strom kann mit Erneuerbaren Energien günstiger erzeugt werden als mit AKW-Neubauten.

Oft sind es Staatsunternehmen, die beispielsweise in China, Indien und Russland den Bau und den Betrieb der Atomanlagen übernehmen. In anderen, auch europäischen Ländern, garantiert der Staat subventionierte Strompreise über Jahrzehnte oder übernimmt die Finanzierungsrisiken zum Beispiel für die Atommüll-Lagerung.

Über die Motivation zum Neubau von Atomkraftwerken in der Türkei, in Ägypten oder den Vereinigten Arabischen Emiraten könne „nur gemutmaßt werden“, so Sauer. Das Interesse an der Technologie wegen der Weiterentwicklung zur Atombombe ist denkbar. Die Proliferation und die Verbreitung von Atomwaffen sei „ein weiterer wichtiger Grund, aus der zivilen Nutzung der Kernenergie auszusteigen“, fordert der Professor.

Die europäische Realität

Gestern bekannten sich in Budapest die Staatspräsidenten von Tschechien und Ungarn, Miloš Zeman und János Áder, „klar für die Atomkraft“. Ungarn will das AKW Paks ausbauen, in Tschechien soll der Standort Dukovany um neue Reaktoren ergänzt werden. Beide Länder planen erhebliche staatliche Unterstützungen für die Projekte. International ernten sie dafür massive Kritik.

weiterlesen:

  • EU genehmigt Milliarden-Kredit für AKW-Neubau in Ungarn
    08.03.2017 - Ungarn will den Neubau eines Atomkraftwerks im eigenen Land finanziell massiv unterstützen. Die EU hat diesen Plan kürzlich abgesegnet. Atomkraftgegner*innen kündigen rechtliche Schritte an und warnen vor Auswirkungen auch auf den deutschen Strommarkt.

  • Atomkraft ist kein Klimaretter
    Die Diskussion um Klimawandel und Kohleausstieg bringt auch diejenigen wieder auf den Plan, die es für eine gute Idee halten, mit Atomkraftwerken das Klima zu retten.

  • Atomprojekte in Osteuropa müssen gestoppt werden
    26.04.2018 - Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien kann bei gleicher Versorgungssicherheit günstiger sein als derzeit geplante Atomkraftwerke in mehreren osteuropäischen Staaten, belegt eine neue Studie, die anlässlich des 32. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe veröffentlich wurde. Die AKW-Projekte müssen gestoppt werden – weder ist das Sicherheitsrisiko tragbar, noch rechnen sie sich.

Quellen (Auszug): tagesspiegel.de, taz.de, energiesysteme-zukunft.de, radio.cz

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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