.ausgestrahlt-Blog

05.07.2019 | von Jan Becker

Auch wenn es rostet: Es ist immer alles „sicher“

Deutschland ist von Meilern umgeben, die immer älter und störungsanfälliger werden. Erst nach etlichen Verzögerungen gelang im AKW Tihange-2 in Belgien das Wiederanfahren. In der Schweiz wurde das AKW Leibstadt gleich nach dem Neustart wieder abgeschaltet.

Belgien / Tihange: Menschenkette Juni 2017
Foto: publiXviewing.de Anti-Atom-Protest in Belgien

Fast ein Jahr lang war Block 2 des AKW Tihange vom Netz, weil poröser Beton in einer Sicherheitsanlage saniert werden musste. Man habe die Lage so eingeschätzt, dass der Verfall des Betons keine Auswirkungen auf die Beschaffenheit der Anlage habe, so der Atomaufsichts-Chef Frank Hardeman im Oktober 2018. Man habe diesen Alterungseffekt „lange unterschätzt“. Bei Untersuchungen wurden auch im Nachbarblock 3 ähnliche Probleme gefunden.

Die umfangreichen Reparaturarbeiten in Block 2 waren nun abgeschlossen, doch der Neustart wurde „für weitere nötige Tests“, so der Betreiber, vier Mal innerhalb weniger Tage verschoben. Der Standort Tihange ist vor ein paar Jahren nach Rissbefunden im Reaktorbehälter von Block 4 in die Schlagzeilen gekommen. Doch aller Kritik und Bedenken, selbst aus dem deutschen Bundesumweltministerium, zum Trotz sind aktuell alle Meiler in Belgien in Betrieb, einschließlich des Risse-Reaktors...

Schweiz: AKW direkt nach dem Anfahren wieder vom Netz

Anfang der Woche hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi dem AKW Leibstadt grünes Licht gegeben, nach der jährlichen Revision wieder den Betrieb aufzunehmen. Die Arbeiten im Werk seien „gesetzeskonform und korrekt ausgeführt worden“, teilte das Ensi mit.

Im Fokus standen u.a. der Wechsel von Brennelementen. Seit 2016 lief das Werk nämlich mit reduzierter Leistung, nachdem Ablagerungen an Brennstäben festgestellt worden waren. Expert*innen vermuteten als Ursache für diese Korrosion an den Brennstabhüllen sogenannte „Dryouts“: Bestimmte Stellen im Reaktorkern werden so heiß, dass die Brennstäbe dort nicht mehr mit einem Wasserfilm bedeckt sind, weswegen sie stark korrodieren. Im deutschen AKW Brokdorf sind ähnliche Beschädigungen gefunden worden. Letztlich können die Hüllen bersten und das radioaktive Inventar wird in den Kühlkreislauf freigesetzt.

Betreiber und Atomaufsicht untersuchten die Schäden und stellten fest, dass es sich um „wesentlich unproblematischere lokale Ablagerungen“ handeln soll, welche die Schutzfunktion der Hüllrohre „nicht unmittelbar beeinträchtigten“. Dank der reduzierten Leistung seien in Leibstadt bei den Revisionen 2017, 2018 und 2019 „keine Anzeichen auf lokale Verfärbungen an Brennelementen mehr festgestellt worden“. Beim jüngsten Brennelementwechsel seien zudem „ausschliesslich frische Brennelemente eines Typs zugeladen worden, der von den Ablagerungen nicht betroffen“ sei. Wie im deutschen AKW Brokdorf wurde der Schaden zwar beseitigt, die Ursache aber nicht gefunden. Trotzdem darf Leibstadt nun wieder mit voller Leistung betrieben werden.

„Besorgniserregend ist vor allem, dass die Prozesse im Reaktorkern offensichtlich anders ablaufen als erwartet“, kommentierte 2017 der für Brokdorf zuständige Umweltminister Robert Habeck die Korrosion im Kern.

Ein AKW, bei dem auch nur die Möglichkeit besteht, dass es im Reaktorkern zu unbekannten oder unerwarteten Reaktionen kommt, die sogar Brennstäbe beschädigen können, darf nicht wieder ans Netz gehen!

„Sicherheit“ ist das meistgebrauchte Wort, wenn Atomaufsicht oder AKW-Betreiber in die Öffentlichkeit kommunizieren. In diesem Jahr hat sich das AKW Leibstadt bereits dreimal selbst notabgeschaltet – erst Ende April, dann Mitte Mai und nun direkt nach dem Wiederanfahren. Ursache war nun ein Ölleck am Hydrauliksystem eines Ventils im Pumpensystem, der Meiler steht nun wieder still. „Sicher“, wie Betreiber und Atomaufsicht erneut betonen.

Gefährlicher Cocktail

Die Schnellabschaltung ist vergleichbar mit einer „Vollbremsung“ in einem Auto, bei dem alle betroffenen Systeme äußerst beansprucht werden. Die Mischung „alterungsbedingte Materialermüdung“ und „äußerste Beanspruchung der Systeme“ könnte in einem Atomkraftwerk zu einem brandgefährlichen Cocktail mit katastrophalen Auswirkungen werden, wenn zum Beispiel Rohre bersten und der Kern nicht mehr gekühlt werden kann.

weiterlesen:

  • Zweifache Notbremse im AKW Leibstadt
    14.05.2019 - Eine „Schnellabschaltung“ in einem Atomkraftwerk ist eine Notfallmaßnahme, die alle betroffenen Komponenten aufs Äußerste beansprucht. Das AKW Leibstadt musste jetzt gleich zwei Mal in Folge diesen Belastungen standhalten. Atomkraftgegner*innen sprechen vom „unzuverlässigsten AKW mit den größten nuklearen Risiken“.

  • Atomkraft macht krank
    30.04.2019 - Dass die Menschen unter den Folgen der Nuklear-Katastrophe von Fukushima leiden, ist zweifelsfrei. Doch nun hat auch ein an Krebs erkrankter, ehemaliger Schweizer AKW-Mitarbeiter gute Chancen darauf, dass seine Erkrankung offiziell auf seine Arbeit im AKW zurückgeführt wird.

  • Hintergrund: Korrosion im Kern
    Fragen und Antworten zu den ungeklärten Oxidschicht-Bildungen an Brennstäben im AKW Brokdorf

  • Belgien hat Probleme mal wieder „unterschätzt“
    05.10.2018 - Glücklicherweise erwies sich eine Meldung über einen schweren Unfall im belgischen AKW Tihange als Fake. Unterdessen räumt die Atomaufsicht ein, sie habe Probleme in den Meilern „unterschätzt“.

Quellen (Auszug): wdr.de, nzz.ch, nuklearforum.ch, ensi.ch, weser-kurier.de, badische-zeitung.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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