.ausgestrahlt-Blog

13.08.2019 | von Jan Becker

Atomkraft hat ihren Höhepunkt überschritten

Wenige Jahre vor der Stilllegung der letzten deutschen Meiler werden die Forderungen nach Laufzeitverlängerungen oder gar nach dem Neubau von Reaktoren immer lauter. Dass der deutsche Atomausstieg kein „Sonderweg“ ist, wie es derzeit von einigen Politiker*innen und aus Wirtschaftkreisen behauptet wird, belegen auch die Statistiken der Internationalen Atomenergiebehörde.

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Im ersten Halbjahr 2019 wurden nämlich laut der kürzlich aktualisierten Daten der Atomlobby weltweit vier Atomreaktoren neu in Betrieb genommen, drei alte, kleinere endgültig abgeschaltet und mit dem Bau von nur einem neuen AKW begonnen. Der negative Trend wird im Vergleich deutlich: Weltweit wurden in den 1980er Jahren mehr als 20 Reaktoren Jahr für Jahr in Betrieb genommen.

Laut offizieller Zahlen sind gegenwärtig weltweit insgesamt 52 Reaktoren „in Bau“. An einigen von ihnen wird allerdings seit über 30 Jahren gebaut, teilweise mit Jahren des Stillstands. Viele von ihnen werden voraussichtlich nie fertiggestellt werden. Zum Vergleich: Auf dem Gipfel der atomaren Euphorie wurde im Jahr 1979 an 233 Reaktoren gebaut. Und selbst in China, wo man bisher dem ungebremsten Energiehunger mit immer neuen Nuklearplänen begegnete, scheint sich etwas zu ändern: Dort sind zwar Mitte 2019 noch 9 AKW im Bau. Doch seit Ende 2017 wurde kein neuer AKW-Bau mehr begonnen.

Neue Verzögerungen in Frankreich

Im französischen Flamanville befindet sich eine der wenigen Reaktorbaustellen in Europa. Der dortige „Europäische Druckwasserreaktor“ sollte ursprünglich 3,5 Milliarden Europa kosten und 2012 fertig sein. Die Prognose im Sommer '19 lautet hingegen: Fertigstellung frühestens Ende 2022 und 11 Milliarden Euro Baukosten. Vergleichbare Entwicklungen kann man in Finnland auf der EPR-Baustelle Olkiluoto beobachten. In Europa hat sich Atomkraft aufgrund der hohen Kosten und der mangelnden Bereitschaft, in die Risikotechnik zu investieren, eigentlich erledigt. In einigen wenigen Staaten wird mithilfe massiver staatlicher Subventionen versucht, neue Atomprogramme umzusetzen.

Dass heute weltweit weniger Atomstrom erzeugt wird als noch im Jahr 2010, ist für Raimund Kamm vom FORUM Gundremmingen, der diese Statistik-Daten regelmäßig recherchiert, ein weiterer Beleg dafür, dass die Atomkraft ihren „Höhepunkt überschritten” hat:

„Die weltweiten Zahlen widersprechen auch den Forderungen rechter Politiker bei CDU und AFD, die eine Wiederbelebung der Atomkraft in Deutschland fordern und dafür behaupten, Deutschland gehe mit dem Atomausstieg im internationalen Vergleich einen Sonderweg“, so Kamm.

Er fordert mit seinen Mitstreiter*innen die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke, besonders des AKW Gundremmingen. Dabei handelt es sich um den letzten Siedewasserreaktor in Deutschland, der bauartbedingt gegenüber den anderen Meilern einen noch geringeren Schutz vor möglichen schweren Unfällen aufweist.

weiterlesen:

  • „Eine irre kostspielige Technologie“
    08.08.2019 - Eine aktuelle Berechung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die absolute Bankrott-Erklärung für alle Atomkraftwerke. Die Meiler dienen weder dem Klimaschutz, noch laufen sie, um Energie herzustellen.

  • Bau neuer AKW ist „politisch motiviert“
    16.05.2019 - Der kürzlich veröffentlichte Report „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle die Atomkraft künftig in der Weltstromerzeugung und fürs Klima spielt. Der Bau neuer AKW sei „politisch motiviert“, denn künftige Meiler seien wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig, sagen die Expert*innen.

  • Atomindustrie befindet sich „in einer Nussschale“
    14.01.2019 - Der Trend setzt sich fort: Atomkraft verliert weltweit weiter an Bedeutung. AKW-Neubauprojekte sterben zudem an zu hohen Kosten.

Quellen (Auszug): atommuell-lager.de, iaea.org/pris

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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