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03.10.2019 | von Armin Simon

Dual-Myth-Reaktor: Das Illusionskraftwerk

Warum der „Dual-Fluid-Reaktor“ seine Versprechen nicht hält und zudem eine hoch gefährliche Idee ist.

Bildmontage der Reaktorwerbung von dual-fluid-reaktor.de
Foto: Montage / dual-fluid-reaktor.de Kein Risiko? Kein Müll? Bildmontage der Reaktorwerbung von dual-fluid-reaktor.de

Wer hat sie nicht schon gelesen in den letzten Wochen, die Geschichte vom angeblich ungefährlichen neuen AKW, das angeblich Energie im Überfluss liefert, angeblich nichts kostet und obendrauf angeblich noch Atommüll frisst – Ammenmärchen der Atom-Lobby, die so gut klingen, dass ihnen viele auf den Leim gehen. Nur mit der Wirklichkeit hat diese Erzählung vom famosen „Dual-Fluid-Reaktor“ nichts zu tun:

Atom-Risiko hoch zwei

Auch in einem Dual-Fluid-Reaktor sind schwere Atomunfälle und unkontrollierte Kettenreaktionen nicht ausgeschlossen. Der angebliche Notablass des hochradioaktiven Brennstoffkreislaufs ist bisher nur eine Skizze. Ob er überhaupt und vor allem im Zweifel auch schnell genug funktioniert, ist völlig offen. Die heißen Salz- und vor allem auch die Metallschmelzen, auf denen der Dual-Fluid-Reaktor basiert, sind extrem korrosiv, Schäden am Reaktor also zu erwarten. Sicherheitsnachweise des Reaktorkonzepts liegen keine vor.

Gleiches gilt für die zum Betrieb eines solchen Reaktors zwingend nötige integrierte Wiederaufarbeitungsanlage. Nach den Vorstellungen der Reaktor-Fans soll diese mit an die 1.000 Grad heißen, hochradioaktiven Chlorverbindungen operieren und dabei hochradioaktive, zum Teil hochgradig waffenfähige Stoffe aus der Brennstoffsuppe herausklauben und sortenrein sammeln – ein immenses Gefahrenpotenzial in jeder Hinsicht.

Atommüll-Scharlatanerei

Die Umwandlung langlebiger Bestandteile des Atommülls in kurzlebige Stoffe (Transmutation), die der Dual-Fluid-Reaktor angeblich ermöglichen soll, kommt nur für einen Teil des Atommülls überhaupt in Frage. Andere Teile, etwa die in Glaskokillen eingeschmolzenen hochradioaktiven Rückstände aus der Wiederaufarbeitung oder besonders langlebige Spaltprodukte, bleiben außen vor. Ein tiefengeologisches Atommülllager würde also keinesfalls überflüssig.

Um überhaupt einzelne Atommüll-Bestandteile transmutieren zu können, müssten diese erst einmal sortenrein aus dem abgebrannten Brennstoff abgetrennt werden. Zu den dafür nötigen Verfahren gibt es bisher nur theoretische Untersuchungen und kleine Versuche im Labormaßstab. Ob und unter welchen Bedingungen eine solche Anlage in der Praxis überhaupt funktionieren würde, ist ungeklärt.

Atomwaffen für alle

In der integrierten Wiederaufarbeitungsanlage eines Dual-Fluid-Reaktors würden radioaktive Stoffe anfallen, die den Bau von Atomwaffen ermöglichen. Sie könnten leicht entwendet und für militärische oder terroristische Zwecke missbraucht werden und alle Bemühungen um die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen konterkarieren.

Illusionskraftwerk

Weder vom Dual-Fluid-Reaktor selbst noch von der für seinen Betrieb zwingend benötigten Wiederaufarbeitungsanlage gibt es ausgearbeitete Pläne, geschweige denn irgendwelche Sicherheitsnachweise, Werkstoffe, Genehmigungen, Protoypen etc. Der so genannte „Reaktor“ ist real nicht mehr als eine Ideenskizze, deren Versprechungen bisher niemand überprüfen kann, weil sie technisch viel zu vage ist und weder Materialien noch Bauteile existieren.

Die Geschichte vom angeblich ungefährlichen AKW, das angeblich Energie im Überfluss liefert, angeblich nichts kostet und obendrauf angeblich noch den ungebliebten Atommüll frisst, verfängt aber so gut, dass viele ihr auf den Leim gehen – Illusion schlägt Wirklichkeit.

Todesstoß fürs Klima

Selbst die Fans des Dual-Fluid-Reaktor gehen davon aus, dass es mehrere Jahrzehnte braucht, um tatsächlich Strom produzierende AKW diesen Typs zu bauen – von allen technischen, gesellschaftlichen, finanziellen und politischen Schwierigkeiten einmal abgesehen. Und alle Erfahrung zeigt, dass es real in der Regel nochmal deutlich länger dauert.
Um das katastrophale Kippen des Weltklimas zu verhindern, muss der Ausstoß von Treibhausgasen schnell sinken. Ein Reaktor, den es theoretisch eventuell in einigen Jahrzehnten einmal geben könnte, hilft dabei keinen Deut weiter. Das Hoffen auf eine vermeintliche Wundermaschine verhindert vielmehr, dass wir die heute schon nötigen und längst möglichen echten Klimaschutzmaßnahmen ergreifen. Und wer schaut, aus welcher Ecke solche Atom-Phantastereien vor allem Beifall bekommen, kann sich durchaus fragen, ob „Klimaschutz verhindern“ nicht die eigentliche Intention dahinter ist …

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Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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