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Im Zuge der Klimakrise ist die Atom-Debatte neu entfacht. Im Internet, aber auch in der Presse ist die Diskussion geprägt von Atom-Propaganda und Fehlinformationen. Eine Aufräumarbeit.

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Foto: Illustration: sortirdunucleaire.fr

War der Atomausstieg ein Fehler?“ fragt der „Spiegel“ und die „Welt“ sagt „Ja“. In den Medien mehren sich Stimmen, die im Zuge der Klimadebatte Deutschlands Rückkehr zur Atomkraft fordern. Die Bundesrepublik verfehle andernfalls ihre Klimaziele, so der Vorwurf.

Vorbild Frankreich?

Als Gegenbeispiel zu Deutschland führen Atomkraftbefürworter*innen gerne Frankreich an, das seinen Strombedarf zu rund 70 Prozent mit Atomkraft deckt und im Stromsektor deshalb deutlich niedrigere Treibhausgas-Emissionen aufweist. Aber ist die französische Energiepolitik tatsächlich so vorbildlich wie oft behauptet? Wohl kaum. Abgesehen davon, dass alle Angaben zur angeblichen CO2-Bilanz von Atomstrom angesichts der noch offenen Atommüll-Frage mit großen Unsicherheiten behaftet sind, bezahlt die europäische Bevölkerung Frankreichs Energiepolitik mit einem hohen Sicherheitsrisiko. Der französische Atompark ist hoffnungslos überaltert. Die 58 Reaktoren haben ein Durchschnittsalter von 35 Jahren und stehen kurz vor Ablauf der genehmigten Betriebsdauer. Mit zunehmendem Alter der Anlagen aber steigt das Risiko eines Atom-Unfalls deutlich an.

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Foto: WNISR2019/Mycle Schneider Alter der französischen AKW


Der einzige AKW-Neubau in Frankreich, der EPR Druckwasserreaktor in Flamanville, ist ein Desaster in jeder Hinsicht. Aufgrund technischer Mängel und Fehler sind die Projektkosten mittlerweile fast 10 Milliarden Euro höher als geplant. Noch vor seiner Inbetriebnahme – die ursprünglich 2012 erfolgen sollte – gilt der EPR als „Pannenmeiler“. Aus Zeitdruck soll er nun sogar mit einem defekten Reaktordruckbehälterdeckel in Betrieb gehen dürfen.

Der staatliche Energiekonzern EDF ist mit mehr als 30 Milliarden Euro verschuldet. Um seine AKW weiter betreiben zu können, sind laut Rechnungshof Investitionen von mindestens 100 Milliarden Euro nötig. Woher diese kommen sollen, ist unklar. Gleiches gilt für die Frage, ob Frankreich tatsächlich mittelfristig neue AKW-Projekte verfolgen wird und wenn ja, mit welchem Geld. Den Ausbau der Erneuerbaren Energien hingegen hat das Land bisher verschlafen. Wind- und Solarenergie decken momentan nur acht Prozent des französischen Strombedarfs. Ohne ein klares Bekenntnis zu einem Atomausstieg und einen verlässlichen Zeitrahmen besteht wenig Hoffnung darauf, dass sich daran etwas ändern wird.

Energiepolitisch befindet sich Frankreich in einer Sackgasse. Das Bild vom Atomstaat als angeblichem Vorzeigemodell gelungener Klimapolitik ist eine Blase, die über kurz oder lang platzen wird. Dahinter verbirgt sich eine verpatzte Energiewende, die Frankreich und Europa insgesamt teuer zu stehen kommen droht.

Die sechs in Deutschland noch laufenden AKW sind ebenfalls allesamt älter als 30 oder gar 35 Jahre und werden zunehmend störanfälliger. Dieses wachsende Sicherheitsrisiko durch Laufzeitverlängerungen auszudehnen, wäre verantwortungslos und gleichzeitig auch energiepolitisch folgenschwer. Für die Erneuerbare Energien-Branche, die durch die zögerliche Energiepolitik der Bundesregierung sowieso schon gebeutelt ist, wäre das ein schwerer Schlag. Investor*innen würden verprellt. Ein Zurück zur Atomkraft wäre womöglich der Todesstoß für den Ausbau und die Weiterentwicklung Erneuerbarer Energien in Deutschland. Das zeigt etwa auch die Situation im Norden des Landes, wo Atomstrom die Netze für Windkraft verstopft und ihren Ausbau seit Jahren blockiert. Angesichts der Klimakrise und der Atomrisiken können wir uns keine Rückschritte bei oder Verzögerungen der Energiewende leisten. Nötig ist vielmehr ein schnellerer Ausbau der Erneuerbaren Energien, ein schnelleres Abschalten der AKW und ein entschiedenes Zurückfahren der Nutzung fossiler Kraftwerke bis zum vollständigen Verzicht auf diese.

Doppelt gefährlich

Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes fordern Atomkraft-Anhänger*innen den weltweiten Ausbau der Hochrisikotechnologie. Die immensen Gefahren und Folgen der Atomkraft-Nutzung streiten sie rigoros ab: Atomunfälle und -katastrophen, Atomwaffen und schmutzige Bomben, der dreckige Uranabbau, nukleare Verseuchung und jahrtausendelang strahlender Atommüll, all dies existiert nicht in der heilen Pro-Atom-Welt. Sie trotzt allen Erfahrungen und Erkenntnissen und dreht und wendet Fakten so lange, bis sie ins Weltbild passen.

Dass die Verharmlosung der Atomrisiken mit abstrusen Behauptungen teilweise auch in etablierten Medien wie „Zeit“ und „Spiegel“ Raum findet, ist bedenklich. Denn die Atom-Klima-Debatte ist ebenso gefährlich wie absurd. Die Atomkraft-Fans bewegen sich in der Klimafrage insgesamt auf dem Holzweg.

Die Klimakrise erfordert schnelles Handeln und eine schnelle Senkung der Treibhausgase. Das ist mit Atomenergie unmöglich. Aktuell decken die weltweit betriebenen rund 400 Reaktoren zwei Prozent des globalen Energiebedarfs. Allein dieser Fakt zeigt, dass Atomkraft auch aus rein praktischen Gründen keine Alternative zum weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien sein kann. Um die Atomkraft aus der globalen Energie-Nische zu holen, in der sie sich befindet, müssten Staaten und Konzerne innerhalb weniger Jahre viele Tausend Atomkraftwerke bauen. Ganz abgesehen davon, dass die Uranvorräte dann sehr bald erschöpft wären und keine private Bank weltweit Geld für AKW-Neubauten zur Verfügung stellt, dauern Planung und Bau eines Atomkraftwerks im Durchschnitt 20 Jahre: Für das Klima käme die vermeintliche Hilfe also in jedem Fall viel zu spät. Im Energiesektor besteht der einzige wirksame Klimaschutz darin, die Energiewende voranzutreiben und Energie effizienter zu nutzen. Nur mit einem konsequenten Umbau des Energiesystems auf Basis regenerativer Energien können die Treibhausgas-Emissionen schnell und dauerhaft gesenkt werden. Gelder, die jetzt in Atomkraft gesteckt werden, fehlen beim Klimaschutz. Wer das ernsthaft fordert, hat den Ernst der Lage nicht erkannt.

„Atommüllfresser“ sind Fabelwesen

Atommüll sei gar kein Problem, behauptet die Pro-Atom-Gemeinde unermüdlich in dem Versuch, Atomkraft wieder salonfähig zu machen. In Russland, so die Mär, sei sogar bereits ein AKW in Betrieb, das Atommüll verbrenne. Gemeint ist der Schnelle Brüter BN-800, den Russland aktuell mit Mischoxid-Brennelementen (MOX) aus Uran und Plutonium belädt. Atommüll aber, diesen hochradioaktiven, jahrtausendelang strahlenden Cocktail, den uns die AKW hinterlassen, den frisst auch der BN-800 nicht.

Schnelle Reaktoren sind dafür in puncto Sicherheit insgesamt hochproblematisch und übertreffen darin alle anderen derzeit existierenden Reaktortypen. Insbesondere wenn Plutonium als Brennstoff verwendet wird, besteht die erhöhte Gefahr eines schnellen, unkontrollierbaren Leistungsanstiegs im Kern, der zur Zerstörung des Reaktors führen kann. Das in der Regel als Kühlmittel verwendete Natrium brennt bei Kontakt mit Luft und bildet in Verbindung mit Wasser explosiven Wasserstoff.

Auch der BN-800 ist also nicht das Perpetuum Mobile, von dem die Atomfreund*innen träumen. Aber immerhin gibt es ihn – anders als all die anderen angeblichen „Atomüllschlucker“ und „Verwandlungskünstler“ im atomaren Traumland. Die existieren lediglich als Illusionen auf Papier, fernab der Wirklichkeit.

Dieser Artikel erschien zuerst im .ausgestrahlt-Magazin Ausg. 46 (Anfang 2020)


weiterlesen:

  • Atom ist keine Option: Atomstrom ist kein Klimaretter
    Too dirty, too dangerous, too expensive, too slow – darum kann Atomkraft das Klima nicht retten. Der einzige Weg, die Einflüsse des Energieverbrauchs auf die globale Erwärmung zu stoppen: so schnell wie möglich zu den Erneuerbaren Energien wechseln!

Angela Wolff

Angela Wolff ist zwischen Braunkohlekraftwerk und Atomreaktor im Rheinischen Revier aufgewachsen. Heute lebt sie an der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein und setzt sich dort ehrenamtlich gegen verfehlte Atompolitik ein. Angela hat Medien- und Kulturwissenschaften studiert. Bevor sie 2017 als Redakteurin Teil des .ausgestrahlt-Teams wurde, hat sie für TV- und Filmproduktionen, Info-Kampagnen und Magazine geschrieben. Seit 2019 ist sie Campaignerin bei .ausgestrahlt und arbeitet insbesondere zu den Themen Klima und Atom, Standortsuche und AKW-Abriss

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