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08.04.2020 | von Jan Becker

Erfolgreiche Proteste gegen Uranmülltransport

Mit der Auflage der „Vermummung“ wurde am Montag in Gronau gegen den erneuten Abtransport von Uranmüll aus der dortigen Anreicherungsanlage protestiert. Dass der Betreiber trotz der Corona-Pandemie auf die Abfuhr besteht, ist „unverantwortlich“, sagen Atomkraftgegner*innen.

6.4.2020 - Protestplakat Urantransporte stoppen
Foto: https://twitter.com/infozentrale 6.4.2020 - Protest gegen Uranmülltransport in Münster

Der am Montagmittag von der Urananreicherungsanlage (UAA) im westfälischen Gronau gestartete Zug hatte 750 Tonnen radioaktives, hochgiftiges Uranhexafluorid geladen. Es handelt sich um „abgereichertes Uran“, dass in großen Mengen als Abfall bei der Herstellung von AKW-Brennstoff anfällt. Anstatt es aber als Atommüll in Deutschland zu lagern, exportiert der UAA-Betreiber Urenco das Material als „Wertstoff“ zu einer Atomanlage in Russland. Dort werde ein Teil erneut angereichert und wieder nutzbar für die Herstellung von AKW-Brennstäben gemacht, heißt es. Der größte Teil bleibe aber dort und rostet unter freiem Himmel in maroden Fässern, wissen Atomkraftgegner*innen von Recherchen vor Ort. Urenco nutzt praktisch Russland als „billige Entsorgung“ ihres Abfalls anstatt sich um eine „sichere“, langfristige Lagerung in Deutschland zu kümmern.

Dieses Mal ging es um mehr

Doch nicht nur diese dubiosen Geschäftspraktiken sorgten jetzt für Proteste gegen die Transporte. Letzte Woche noch war nämlich die geplante Abfahrt des Zuges vom Bundesinnenministerium wegen der Corona-Pandemie und möglicher Infektionsgefahr untersagt worden. Dann intervenierte Urenco offenbar erfolgreich auf politischer Ebene und konnte den Abtransport eine Woche später durchsetzen. Das wiederum brachte (wie gewöhnlich) auch Kritiker*innen auf den Plan, die Protest-Mahnwachen anmeldeten.

„Das Verhalten des Urananreicherers Urenco ist unglaublich und verantwortungslos. Viele Betriebe müssen wegen der Corona-Pandemie erheblich zurückstecken, die Notfalldienste und Krankenhäuser sind voll eingespannt – und die Öffentlichkeit soll zu Hause bleiben. Doch Urenco besteht mitten in der Corona-Pandemie auf einem betrieblich völlig unerheblichen und gefährlichen Uranmülltransport nach Russland”, kritisiert Matthias Eickhoff von der Initiative SOFA (Sofortiger Atomausstieg) Münster. Urenco stelle damit „wirtschaftliche Erwägungen vor den Schutz der Allgemeinheit“.

Auch wenn es bei solchen Transporten mit radioaktivem, hochgiftigem Uranhexafluorid nicht zu einem Unfall kommt, sind Sicherheitskräfte der Polizei und Transportarbeiter*innen bei der Abfertigung und Durchführung im Einsatz. Es handelt sich um eine unnötige, zusätzliche Zumutung für diese derzeit ohnehin schon stark beanspruchten Berufsgruppen. Urenco stelle „einmal mehr seine Geschäftsinteressen über die Gesundheit von Menschen“, kommentiert Heinz Smital, Atomexperte von Greepeace. Das sei „nicht nur eine beispiellose Provokation“, Urenco nehme damit auch die Gefährdung von Menschen an der gesamten Transportstrecke bewusst in Kauf.

Versammlung trotz Corona-Verbot genehmigt

Bis Sonntag war unklar, ob die Protestaktionen stattfinden dürfen oder - wie derzeit eigentlich alle Versammlungen in Deutschland - mit Verweis auf die Corona-Pandemie pauschal verboten werden. Ungewohnte Unterstützung bekamen die Aktivist*innen dieses Mal allerdings von der Stadt Münster, die ebenfalls erhebliche Kritik an dem Uranmülltransport äußerte. Nach kooperativen Gesprächen mit den Aktivist*innen wurde die Versammlung schließlich bestätigt. Allerdings nur mit begrenzter Teilnehmer*innenzahl, zudem mussten sich alle Beteiligten mit einem Mundschutz „vermummen“ und ausreichend Abstand zueinander halten. So kamen einige dutzend Menschen an den Mahnwachen in Münster und Gronau zusammen. Weil es sich in der Krise um eine der ersten zugelassenen Versammlungen handelte, berichteten zahlreiche überregionale Medien über die erfolgreichen Proteste.

„Die Aussetzung der hochgefährlichen Urantransporte wäre ein konsequenter nächster Schritt. Die Anti-Atomkraft-Bewegung bleibt am Ball und engagiert sich weiterhin gegen Atomtransporte und für die sofortige Stilllegung aller Uranfabriken und Atomkraftwerke“, kündigt Udo Buchholz vom Vorstand des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) nach dem Transport an.

weiterlesen:

  • 50 Jahre Urenco - kein Grund zum Feiern
    07.03.2020 - Erneut haben Atomkraftgegner*innen diese Woche gegen den Betrieb der Urananreicherungsanlage Gronau protestiert. Neue Atommülltransporte nach Russland zeichnen sich ab. Gemeinsam erinnerten 30 internationalen Initiativen daran, dass vor genau 50 Jahren ein Vertrag zum Aufbau der Uran-Industrie geschlossen wurde.

  • Atomares Business-as-usual in Krisenzeiten
    25.03.2020 - Alle Menschen sind dazu aufgerufen, zuhause zu bleiben. Das öffentliche Leben steht weitestgehend still. Die Atomindustrie hingegen macht trotz aller Risiken einfach weiter wie bisher.

  • #castor2020 wegen Corona abgesagt!
    19.03.2020 - Die Vorbereitungen waren schon sehr konkret: Rund um Nordenham und entlang von Eisenbahnabschnitten zum Atomkraftwerk Biblis wurde für Ende März und Anfang April ein Flugverbot erlassen, tausende Polizisten sollten die Transportstrecke schützen. Wegen der Infektionsgefahr wurde der Termin nun abgesagt.

Quellen (Auszug): sofa-ms.de, bbu-online.de, greenpeace.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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