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09.04.2020 | von Jan Becker

34 Jahre nach dem GAU: Der radioaktive Wald brennt

Das Risiko nach einem Super-GAU ist nie vorbei - zumindest nach realistischer, menschlicher Zeitrechnung. Das zeigt sich jetzt in Tschernobyl, wo unkontrollierte Waldbrände herrschen.

tschernobyl-stadt
Foto: Alexander Tetsch

Seit Anfang April brennt in der Sperrzone rund um den 1986 explodierten Atomreaktor Tschernobyl der Wald. Greenpeace spricht nach eigenen Recherchen von mindestens 46.000 Hektar, die betroffen sind. Ein Brandherd sei nur 500 Meter vom AKW entfernt, wo sich tausende Tonnen giftiger Atommüll befindet. Trotz des Einsatzes von Löschflugzeugen und Hubschraubern und auch mit deutscher Hilfe ist das Feuer nicht unter Kontrolle gebracht. Ursache soll zumindest teilweise Brandstiftung sein. Der Leiter des staatlichen Umweltinspektionsdienstes, Jegor Firsow, berichtete wenige Tage nach dem Ausbruch davon, dass er erhöhte Radioaktivität gemessen habe. In einem dazu veröffentlichten Video zeigt ein Geigerzähler das 16-fache des Normalwerts an.

Ärzte warnen unterdessen vor einer neuen radioaktiven Wolke über der Ukraine, die auch andere Länder in Europa bedroht. Bei ungünstiger Wetterlage und Windrichtung könnte auch Deutschland betroffen sein, so IPPNW-Co-Vorsitzender Alex Rosen. Stark verdünnte Rauchschwaden hätten bereits andere Teile Europas erreicht, feine Messungen einen Anstieg bei den Cäsium-137-Werten gezeigt. Die gemessenen Strahlenwerte ergeben derzeit aber „keine relevante Gefahr für die Bevölkerung", so Rosen.

Strontium-90 und Cäsium-137 werden freigesetzt

In der Vergangenheit hat es bereits öfter rund um das havarierte AKW gebrannt, etwa zehn bis 15 Mal pro Jahr. Das bislang größte Feuer wütete vom 29. April bis zum 2. Mai 2015 auf einer Fläche von 350 Hektar, nur etwa 14 Kilometer südwestlich vom AKW Tschernobyl. Selbst wenn die Brände die AKW-Ruine bisher nicht erreichten, setzt es die Radionuklide Cäsium-137 und Strontium-90 frei, die seit dem Super-GAU in der Vegetation vorhanden sind. Bis zu 40 Prozent der in der Biomasse gespeicherten Cäsium-Partikel würden über ein Feuer wieder in die Umwelt gelangen und durch die Hitze in höhere Luftschichten gerissen, berichtete 2017 der Greenpeace-Experte Shaun Burnie. So können Wind und Wetter die hochgefährlichen, freigesetzten Stoffe über größere Entfernungen hin neu verteilen. Außerdem werden als zusätzliche regionale Gefährdung eigentlich in Pflanzen, Boden oder Torf gebundene radioaktive Partikel beim Löschen ins Grundwasser gespült.

Strontium-90 und Cäsium-137 haben eine Halbwertzeit von etwa 30 Jahren. Das bedeutet, dass bis heute erst die Hälfte dieser freigesetzten Isotope zerfallen sind. Die durch die Explosion in Reaktorblock 4 in die Umwelt geschleuderte Radioaktivität war gigantisch. Ganze Landstriche um die Ruine sind bis heute gesperrt, zehntausende Menschen zwangsumgesiedelt. Umfangreiche „Dekontaminierungsmaßnahmen“ in den Wäldern von Tschernobyl haben nie stattgefunden.

Regierungen beschwichtigen - Expert*innen warnen

Die ukrainische Regierung dementiert wie auch bei jedem vergangenen Großfeuer jedes Risiko. Der Umweltinspektor Firsow zog wenige Tage nach seinen Messungen seine Aussagen von erhöhter Strahlung zurück. Für Deutschland sind laut Bundesumweltministerium durch die Brände des radioaktiv belasteten Laubs „keine radiologischen Konsequenzen“ zu erwarten. Auch das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz sieht dank vorherrschenden Südwinds keine Gefahr.

Wladimir Tschuprow, Atomexperte bei Greenpeace Russland, warnte jedoch schon 2010 davor, die radioaktive Gefahr herunterzuspielen. Natürlich ist aber die Belastung sehr viel geringer und auch kleinräumiger als bei einem Unfall in einem Atomkraftwerk, bestätigt auch sein Kollege Burnie. Trotzdem sollten kleinere radioaktive Mengen nicht unterschätzt werden. Unklar sei zudem, wie gefährlich das Zusammenspiel von giftigem Smog von den Wald- und Torfbränden und radioaktiver Strahlung ist.

Japan verschiebt die „kollektiv-Bestrahlung“ Olympia

Anders - wenn auch nicht besonders wirkungsvoll - versucht Japan mit den Folgen des GAU von Fukushima umzugehen. Großflächig wurde verstrahlter Boden abgetragen und in Säcke verladen. Insgesamt summiert sich die eingesammelte, mit Cäsium belastete Erde auf 22 Millionen Kubikmeter. In der Landschaft befinden sich Berge von Plastiksäcken in provisorischen „Zwischenlagern“.

Als 2017 auf 20 Hektar der Wald von Namie brannte, ein hügeliges Gebiet keine zehn Kilometer westlich des Atomkraftwerkes, wurde die Wirkungslosigkeit der Aufräumarbeiten deutlich. Durch die Feuer wurden hochradioaktive Partikel aus dem nicht-dekontaminierten Wald wieder in die Höhe geschleudert. Zedern wiesen dort Strahlungswerte von 31.000 Becquerel pro Kilo Biomasse auf, damit gelten sie als Atommüll. Diese Radioaktivität gelang wieder in die Umwelt und wurde in der Umgebung verteilt.

Eine „kollektive Bestrahlung“ vieler Menschen in der Region wurde glücklicherweise in diesem Jahr abgewendet. Durch die Corona-Pandemie wurden die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele, die auch in Fukushima ausgetragen werden sollten, abgesagt. Über eine Wiederholung in einem Jahr wird allerdings diskutiert. Der Weltöffentlichkeit soll so „Normalität“ in der vom GAU betroffenen Region suggeriert werden. Doch die Situation für die Bevölkerung rund um die havarierten Reaktoren sowie die Bewältigung der Folgen bleiben dramatisch - auch ohne die immer wiederkehrenden Waldbrände.

„Diese vermeintliche Normalität gibt es nicht: nicht am AKW-Standort, wo die havarierten Reaktoren weiterhin nicht unter Kontrolle sind, und auch nicht in den Dörfern und Städten mit Strahlenwerten, die bis zu 20 Mal höher liegen als die international zulässigen Grenzwerte“, erklärt der IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen.

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Quellen (Auszug): dpa, greenpeace.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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