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Foto: André Karwath / Wikimedia „Neue Landschaft Ronneburg“

Mit Milliardenaufwand saniert die Wismut die Hinterlassenschaften des Uranbergbaus in Sachsen und Thüringen – seit 30 Jahren. Ein Ende ist nicht absehbar

In Sachsen und Thüringen förderte die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut bis 1990 mehr als 230.000 Tonnen Uran – Rohstoff für das sowjetische Atomprogramm. Übrig blieb, wie überall, wo Uran abgebaut und aufbereitet wird, ein gigantischer Haufen strahlenden Drecks: Berge von radioaktivem Gestein und Sand, strahlende und giftige Schlammteiche, kontaminiertes Wasser, aufgegebene Grubengebäude, Tagebaurestlöcher, radioaktive Grubenbaue und verseuchte Betriebsgelände.

Seit 1991 ist die bundeseigene Wismut GmbH damit beschäftigt, die Hinterlassenschaften zu sanieren und den Austrag von Radioaktivität in die Umwelt zu begrenzen. 99 Prozent aller über- und untertägigen Anlagen sind inzwischen abgebrochen, abgeworfen, verfüllt, entsorgt, geflutet oder abgedeckt. Fünf Prozent des ehemals 1.500 Kilometer langen Grubennetzes und 17 Prozent der Bergbauhalden sind noch in Arbeit. Fast 200 ehemalige Schachtanlagen wurden verwahrt. Von den 37,5 Quadratkilometern Bergbauflächen mussten 11,5 Quadratkilometer tiefgründig, aufwendig und mit viel wissenschaftlichem Neuland saniert werden. Hinter diesen Zahlen steht der Abbau enormer radioaktiver Belastungen der Luft, in Gebäuden und Gewässern bis hin zur Elbe.

Uranabbaugebiete abschotten?
Die ursprüngliche Strategie, die ehemaligen Uranabbaugebiete abzuschotten und für Kommunal-, Sonder- und Atommüll zu nutzen, konnte verhindert werden. Den Bürger*innen-Bewegungen der Wendezeit gelang es, die Politik von übereilten Privatisierungen abzuhalten und letztlich für Europas größtes Umweltprojekt ins Boot zu holen. Fast 6,5 Milliarden Euro Steuergeld haben die Arbeiten bereits verschlungen, weitere 1,36 Milliarden Euro sind bis 2040 eingeplant.

Dabei wird es allerdings nicht bleiben können. Einige Anlagen wie Grubenbaue oder Deponien müssen zur Bewältigung diverser Restbelastungen weiter offenbleiben. Und beinahe die Hälfte der Wismut-Flächen konnten trotz aller Sanierungsarbeiten nicht in den Nutzungskreislauf der Gesellschaft zurückgegeben werden: Sie bleiben deshalb – hoffentlich – dauerhaft unter Bergrecht.

Trotz Auflagen setzen sich die örtlichen Bürgerinitiativen stets dafür ein, auch diese Flächen öffentlich zugänglich zu machen – nicht zuletzt, weil das ein wichtiger Ansporn für die Sanierungsqualität ist. Immerhin geht es um die größten im Zuge einer Sanierung aufgeschütteten radioaktiven Langzeitlager der Welt: Allein um Ronneburg herum etwa der aus 132 Millionen Kubikmetern kontaminiertem Haldenmaterial aufgetürmte „Lichtenberg“, 110 Millionen Tonnen radioaktive Tailings – strahlender, giftiger Schlamm, der bei der Uranerzaufbereitung anfällt – und 55 Millionen Kubikmeter kontaminiertes Haldenmaterial. Wie viele andere sanierte ehemalige Bergbau- und Aufbereitungsstandorte bedürfen auch diese Halden einer Langzeitnachsorge, die bisher nur bis 2040 sichergestellt ist.

Langzeitfolgen
Was trotz aller Sanierungsanstrengungen und -erfolge bleibt, sind etliche schwierige Folgeprobleme des Uranabbaus, die meisten mit Ewigkeitscharakter. Eine Auswahl:

  • Fast 16.000 Bergleute erkrankten nach 1990 noch an Krebs, bis heute gibt es Neuerkrankungen.
  • An allen ehemaligen Uran-Standorten ist eine langjährige Aufbereitung der kontaminierten Grundwässer erforderlich; bei den Tailings sogar zeitlich unbegrenzt.
  • Auch nach Abschluss der Sanierungen kam es mitunter zu einem Wiederanstieg der Radon-Emissionen aus den Halden.
  • An einigen Orten ist das Grundwasser verseucht, durch die Tailings und andere Ablagerungen.
  • Die Abdeckungen der Halden, die die Radioaktivität abschirmen und das Austragen radioaktiver Stoffe verhindern sollen, erodieren mit der Zeit und auch durch Naturgewalten, wie zuletzt 2013.
  • Uranbergbaustandorte, die schon vor 1990 stillgelegt wurden, werden nur in Sachsen saniert. In Thüringen verbleiben 80 Standorte, zusammen 3.200 Hektar groß und mit fast 100 Millionen Kubikmetern kontaminiertem Material ohne Sanierung.
  • Millionen Tonnen radioaktiver Abraummaterialien wurden im Straßen- und Gebäudebau eingesetzt und tauchen nun Jahrzehnte später (oft unerkannt) wieder auf.
Dieses Interview erschien erstmalig im .ausgestrahlt-Magazin 49 (Nov/Dez 2020 / Jan 2021)


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