.ausgestrahlt-Blog

Das endgültige Ende naht: Atomkraft wird weltweit von Erneuerbaren Energien verdrängt. So auch in Brokdorf, das AKW ist derzeit zum letzten Mal für die Jahreswartung vom Netz. Ende 2021 ist gesetzlich Schluss, doch der Meiler könnte (und sollte!) für immer aus bleiben.

Blockade des AKW Brokdorf, 2010
Foto: publixviewing.de Klare Forderung am Zaun des AKW Brokdorf (Aktion 2010)

Am vergangenen Wochenende wurde das norddeutsche Atomkraftwerk Brokdorf für eine allerletzte Jahresrevision vor der endgültigen Stilllegung abgeschaltet. Derzeit werden diverse Wartungs- und Reparaturarbeiten durchgeführt und 72 neue Brennelemente in den Kern des Druckwasserreaktors geladen. Der Betreiber Preussen Elektra betont, dass jetzt ausschließlich „neue“ Brennelemente zum Einsatz kommen werden – und keine mehr aus einer Charge, bei der 2017 erhöhte Oxydation (also Rost) auftrat.

Weshalb das so betont wird: Bis heute weiß niemand genau, welche Vorgänge im Reaktorkern dazu geführt haben. Der Betreiber verweist auf verwendete „Werkstoffe“. Es gab damals heftige Kontroversen um die Stabilität der Brennelemente, Kritiker*innen warnten vor einem unkontrollierten Austritt von Radioaktivität in das Kühlwasser. Statt die Ursache zu klären und zu beheben, einigten sich Betreiber und Behörden darauf, das AKW mit reduzierter Leistung und reduzierter Lastwechselgeschwindigkeit zu fahren.

Sollte der Meiler wie geplant Mitte Oktober wieder in Betrieb genommen werden, dann darf er wohl wieder „unter Volldampf“ laufen. Brokdorf liefert damit „einen großen Anteil an der Grundversorgung“, wirbt der Betreiber. Dabei wird von einem Skandal abgelenkt, nämlich dass Windkraftanlagen im Norden runtergeregelt werden müssen, damit der Meiler ungebremst Strom ins Netz einspeisen kann. Allein in Brokdorf entstehen so 26 Tonnen hochradioaktiver Atommüll pro Jahr. Der Berg wächst, und kein Gramm des Strahlenmülls ist bisher „sicher entsorgt“. Und mit jedem Betriebstag steigt das Risiko eines schweren Unfalls, etwa durch Materialversagen in der 45 Jahre alten Anlage (Baubeginn war 1975), an.

Weltweit sind AKWs immer unbedeutender

Dass Atomenergie weiter an Bedeutung verliert, dieser Trend betrifft nicht nur Deutschland. Im Jahr 2019 haben die erneuerbaren Energien, sogar ohne die Wasserkraft gerechnet, weltweit erstmals die Atomkraft überholt. Im globalen Strommix hatten die Ökoenergien einen Anteil von 10,39 Prozent, während die Atomkraft auf nur 10,35 Prozent kam. Dieser Vorsprung werde in den kommenden Jahren wachsen, analysiert der am Donnerstag vorgestellte „World Nuclear Industry Status Report“ (WNISR). Die Dynamik beim Ausbau von Windkraft und Photovoltaik sei weitaus größer als bei der Atomwirtschaft: Die Photovoltaik wuchs 2019 weltweit um 98 Gigawatt, Windkraft um 59 Gigawatt – Atomkraft aber nur um 2,4 Gigawatt. Außerdem wurde zehnmal so viel Geld in Erneuerbare investiert als in AKW – und die Finanzbranche rät schon länger von Investitionen in die Risikotechnik ab.

Grund für das Ende der Nuklear-Ära sind die gigantischen Kosten. Der Bau dauert lange und kein Land der Welt hat eine Lösung für den hochaktiven, hundertausende Jahre gefährlichen Atommüll. Dank technischer Entwicklung und Massenproduktion sind die Stromgestehungskosten bei großen Solaranlagen in den letzten zehn Jahren um 89 Prozent gesunken, die von Windkraftanlagen um 70 Prozent. Die Kosten der Atomkraft sind hingegen um 26 Prozent gestiegen. Einzelne Länder versuchen durch massive staatliche Subvention für AKW-Neubauten diese Kostenfalle zu umgehen. Doch nicht mal mittelfristig werden sich Atomkraftwerke so auf dem Markt behaupten können, das widerspricht jeder wirtschaftlichen Logik. Allerdings gibt es immer noch Länder, die aus militärischem Interesse (Atombombe!) Unsummen in die Reaktortechnik investieren.

Sofort alle abschalten!

Atomkraftwerke sind nicht nur ein massives Sicherheitsrisiko, sie stehen auch der Energiewende im Weg, weil dringend nötige Investitionen in eine sichere und nachhaltige Energieversorgung unterbleiben. Die sofortige Abschaltung aller deutschen Atommeiler wäre problemlos möglich. Rechnerisch laufen die Hälfte der letzten Anlagen nur für den Export ins Ausland (2019: 40 Terawattstunden (TWh) Überschuss bei insgesamt 75 produzierten TWh Atomenergie). Auch ohne alle AKW stehen ausreichend Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung, um jederzeit mehr Strom zu produzieren, als benötigt wird.

Für den Klimaschutz sind die Atomkraftwerke auch nicht zu gebrauchen. Zwar verursachen AKW im Betrieb bei der Uranverbrennung keine CO2-Emissionen, betrachtet man aber den gesamten Lebensweg (Uranabbau, Brennelemente-Herstellung, Kraftwerksbau, Atommülllagerung etc.), schneiden Erneuerbare Energien deutlich besser ab.

weiterlesen:

  • Atomkraft? Viel zu teuer!
    23.09.2020 - Kein anderer Energieträger hat in Deutschland bislang so hohe Kosten verursacht wie die riskante Atomkraft. Mit jedem Betriebstag der AKW steigen die Kosten weiter an. Andererorts wird die Notbremse gezogen: der japanische Atomkonzern Hitachi bricht ein Neubauprojekt in Großbritannien ab.
  • Atomkraft: Irrweg in der Klimakrise
    Im Zuge der Klimakrise ist die Atom-Debatte neu entfacht. Im Internet, aber auch in der Presse ist die Diskussion geprägt von Fehlinformationen. Wir erläutern ausführlich, warum Atomkraft kein Ausweg aus der Krise ist, sondern nachhaltigen Klimaschutz sogar verhindert.
  • Studie untersucht EU-weiten Atomausstieg
    22.09.2017 - Eindeutiges Ergebnis: Ein europaweiter Atomausstieg hätte wirtschaftliche Vorteile gegenüber "Business as usual".
  • Sogar unter extrem pessimistischen Annahmen und auch, wenn Deutschland vom europäischen Strommarkt abgekoppelt wäre, reichen die vorhandenen nicht-atomaren Kraftwerke schon jetzt aus, um selbst den höchsten Strombedarf jederzeit zu decken. - zur Studie "Sofortausstieg problemlos möglich" (2015)

Quellen (Auszug): schleswig-holstein.de, taz.de, bmu.de, preussenelektra.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

« zurück