Auf Kosten des Klimas

26.08.2021 | Angela Wolff
AKW Neckarwestheim mit Riss-Projektion
Foto: Kristoffer Schwetje


In den Medien mehren sich die Stimmen, die angesichts der Klimakrise eine Renaissance der Atomkraft fordern. Mit Klimaschutz hat die neu aufgekeimte Atom-Debatte jedoch wenig zu tun.

Weil Atomkraftwerke im Betrieb kaum Treibhausgase erzeugen, sei Atomenergie klimafreundlich und für die Energieversorgung der Zukunft unverzichtbar, behauptet die internationale Atomlobby. Dagegen konstatieren die „Scientists for Future“ in einer aktuellen Studie, „weder Kernspaltung noch Kernfusion“ seien „Optionen für eine klimafreundliche Energieversorgung Deutschlands“. Noch deutlicher wird der Klimaforscher Mojib Latif in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Es ist Schwachsinn, weiterhin auf Atomkraft zu setzen.“

Die Frage, wie eine klimagerechte, nachhaltige und zukunftsfähige Energiestrategie aussähe, lässt sich nicht allein anhand des CO2-Kriteriums beantworten. Ebenso wenig bedeutet der Umstand, dass die nukleare Stromerzeugung deutlich weniger Treibhausgase verursacht als fossile Brennstoffe, dass Atomkraft klimafreundlich wäre. Denn in der Gesamtbetrachtung spielt auch die Konkurrenzsituation zu den Erneuerbaren Energien eine entscheidende Rolle.

Mit Nachhaltigkeit unvereinbar – Auslaufmodell AKW

Eine Gesellschaft, die sich für die Nutzung der Atomkraft entscheidet, nimmt wissentlich auch alle Begleiterscheinungen dieses Energielieferanten in Kauf: Das Risiko schwerer Unfälle bis hin zur Atomkatastrophe, die mögliche militärische Nutzung der Technologie, nukleare Verseuchung und nicht zuletzt die Produktion von Atommüll, der über Jahrtausende hinweg eine Bedrohung für Mensch und Umwelt darstellt. Das Atomrisiko bleibt nicht bei der Generation, die den Strom genutzt hat, sondern geht unweigerlich auf nachkommende Generationen über. Die Nutzung einer Hochrisiko-Technik, deren Folgeschäden nicht korrigierbar sind, ist mit Nachhaltigkeit und zukunftsgerechtem Handeln unvereinbar.

Betrachtet man die Frage nach dem vermeintlich positiven Klimaeffekt von Atomenergie auf einer rein praktischen Ebene, wird schnell deutlich, dass die Diskussion um den angeblichen nuklearen „Klimaretter“ eine Schein-Debatte ist. Fakt ist: Atomkraft ist aufgrund ihrer begrenzten Kapazitäten rein rechnerisch nicht in der Lage, den Klimawandel aufzuhalten. Für den Energiesektor ist sie nicht mehr als eine Nischentechnologie. Ein Blick auf den globalen Energiemix bestätigt das: Die derzeit in 30 Ländern betriebenen 415 Atomreaktoren decken lediglich etwa zwei Prozent des weltweiten Bruttoendenergieverbrauchs. Auch im Strommix spielt Atomkraft mit einem Anteil von zehn Prozent keine große Rolle. Ihr Effekt auf die Klimabilanz ist nicht nur unerheblich, sondern obendrein auch nicht ausbaufähig. Um mit Atomenergie einen nennenswerten Beitrag zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen zu erzielen, müsste die Atomindustrie die globale Reaktorflotte innerhalb weniger Jahre um mehrere Tausend Kraftwerke aufstocken. Von einem Branchenwachstum kann aber überhaupt keine Rede sein; vielmehr schrumpft der Atomsektor zusehends. In den kommenden zwei Jahrzehnten müsste die Industrie etwa 300 neue AKW in Betrieb nehmen, nur um bestehende Kapazitäten zu erhalten. Selbst das ist aus Zeit- und Kostengründen unrealistisch. Aktuell sind weltweit lediglich 52 neue Reaktoren in Bau – bei einigen Anlagen ist aufgrund von technischen Problemen zudem unklar, wann und ob sie jemals in Betrieb genommen werden können.

Zu langsam – zu teuer

Zeitliche Verzögerungen und Kostenexplosionen sind bei der Errichtung und Inbetriebnahme eines AKW die Regel. Dass ein Kraftwerk in wenigen Jahren hochgezogen wird, kommt nur in Ländern vor, in denen die Sicherheitsbestimmungen niedriger sind als etwa innerhalb der EU. Im internationalen Durchschnitt dauert der Anlagenbau zehn Jahre. Dabei ist die Planungs- und Genehmigungsphase allerdings noch nicht berücksichtigt. Zwischen Projektstart und Inbetriebnahme eines Reaktors liegen in demokratischen Ländern etwa 20 Jahre. Nicht nur die Bauzeiten sind für ein Investment unattraktiv, sondern auch der Preis. Ein AKW kostet im Schnitt zehn Milliarden Euro – Atomkraft ist umgerechnet auf die Kilowattstunde die teuerste Art der Energieerzeugung und nur mit staatlichen Subventionen realisierbar. Die weltweit größte Rating-Agentur Standard & Poor’s warnt sogar ausdrücklich vor Investitionen in den Ausbau von Atomenergie. Als Hauptgrund nennt sie fehlende Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere im Vergleich zu regenerativen Energien. Kurz: Atomkraft ist ein Auslaufmodell. Und selbst wenn die Atomindustrie plötzlich in der Lage wäre, mit einem Schlag Tausende AKW-Projekte aus dem Boden zu stampfen, für den Klimaschutz käme die vermeintliche Hilfe zu spät.

Klimaschutz braucht Erneuerbare

Im Energiesektor ist der Ausbau der Erneuerbaren zusammen mit Energieeinsparungen, Effizienzmaßnahmen und dem Einsatz von Speichertechnologien der einzige Weg, Treibhausgas-Emissionen schnell und dauerhaft zu senken. Solar- und Windparkprojekte sind innerhalb von zwei bis fünf Jahren zu einem Bruchteil der Kosten realisierbar, die der Bau eines AKW beansprucht. Erneuerbare haben zudem eine deutlich bessere Klimabilanz als Atomkraft und gefährden mit ihrem Betrieb nicht Leben und Zukunft von Millionen Menschen.

Harter Konkurrenzkampf

Eine Kombination aus Erneuerbaren Energien und Atomkraft ist keine Option. Atomkraft steht ebenso wie die Kohleverstromung für ein zentralistisches, träges, ineffizientes Versorgungssystem, das auf dem Prinzip der Grundlastsicherung basiert. Erneuerbare dagegen weisen den Weg in eine dezentral ausgerichtete Energieversorgung und eine effizienzorientierte, flexible Steuerung der Netze. Diese beiden Systeme sind nicht kompatibel, sie stehen in Konkurrenz zueinander. Atomkraftwerke powern auch dann durch, wenn der Bedarf eigentlich mit Ökostrom gedeckt werden könnte. Die Reaktoren können nicht flexibel genug herauf- und heruntergefahren werden, um ihre Stromproduktion an die wetter- und tageszeitbedingten Schwankungen bei den Erneuerbaren anzupassen. Stattdessen erfolgt die Anpassung meist umgekehrt: Wind- und Solarstrom müssen weichen, wenn eine Netzüberlastung droht. Windräder stehen dann bei Sturm still, während Atommeiler weiterlaufen. Das Netzmanagement ist auf die fossil-atomare Grundlast-Ideologie ausgerichtet, nicht auf Flexibilität. Atomkraftwerke ergänzen die Erneuerbaren nicht, sie verstopfen die Leitungen und blockieren die volle Nutzung der Wind- und Solarenergie. Das zeigt etwa auch die Situation im Norden Deutschlands, wo Atomstrom die Netze für Windkraft verstopft und ihren Ausbau seit Jahren blockiert.

Dass es machbar ist, den Energiesektor zu 100 Prozent auf regenerative Energien umzustellen, ist längst erwiesen. Das erfordert allerdings konsequentes Handeln seitens der Politik, die die Energiewende seit vielen Jahren zugunsten des fossil-atomaren-Systems ausbremst.

Atomlobby dreht am EU-Geldhahn

Auch auf EU-Ebene besteht ein harter Konkurrenzkampf zwischen Atomkraft und den erneuerbaren Energien. Das liegt vor allem an atomfreundlichen Staaten wie Frankreich, das massiv dafür streitet, dass die subventionsabhängige Nuklearbranche aus den Fördertöpfen bedient wird. Außerdem bedarf Frankreich einer Nuklearindustrie zur Erhaltung seines Kernwaffenarsenals. Nach dem Brexit ist Frankreich die einzige Atommacht der EU, an deren Drohpotential auch Deutschland zur Abstützung seiner Stellung in der Welt interessiert ist. Aber jeder Euro, der in die nukleare Hochsicherheitstechnologie fließt und am Ende noch Frankreichs Sprengköpfe finanziert, fehlt beim Umbau des Energiesektors und somit im Kampf gegen die Klimakrise. Tatsächlich fließen über Brüssel jede Menge Gelder in Atomkraft. So hat die  EU in den vergangenen sechs Jahren 5,3 Milliarden Euro allein in die Atomforschung gesteckt, während sie Forschungsprojekte für Energiewende, Speichertechnologien, Netze, Energieeinsparungen und Energieeffizienz mit insgesamt nur 5,9 Milliarden Euro gefördert hat. Um von den Klimaschutzmaßnahmen der EU zu  profitieren, kämpft die Atomlobby aktuell dafür, dass die EU Atomkraft als klimafreundliche Energiequelle klassifziert. Das würde gegen alle Vernunft den Geldhahn für den Atomsektor weiter öffnen – auf Kosten des Klimas.

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Atomkraft: Irrweg in der Klimakrise“ zuerst erschienen in „Lunapark21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie“, Heft 54, Sommer 2021.

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Angela Wolff

Angela Wolff ist zwischen Braunkohlekraftwerk und Atomreaktor im Rheinischen Revier aufgewachsen. Heute lebt sie an der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein und setzt sich dort ehrenamtlich gegen verfehlte Atompolitik ein. Angela hat Medien- und Kulturwissenschaften studiert. Bevor sie 2017 als Redakteurin Teil des .ausgestrahlt-Teams wurde, hat sie für TV- und Filmproduktionen, Info-Kampagnen und Magazine geschrieben. Seit 2019 ist sie Campaignerin bei .ausgestrahlt und arbeitet insbesondere zu den Themen Klima und Atom, Standortsuche und AKW-Abriss

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