„Man verspricht uns goldene Straßen“

10.07.2024 | Anna Stender
Agnieszka Olszewska
Agnieszka Olszewska
Foto: privat

Agnieszka Olszewska (45), lebt in Deutschland und Polen. Gemeinsam mit anderen Atomkraftgegner*innen von Bałtyckie-SOS wehrt sie sich gegen die Pläne der Regierung, an der polnischen Ostseeküste ein AKW zu errichten und damit in die Atomkraft einzusteigen. Ein Porträt.

Ich komme aus Polen und lebe teils dort und teils in Deutschland. Mit meinem Mann habe ich vor einigen Jahren ein Grundstück an der polnischen Ostseeküste gekauft. Wir wollten hier einen idyllischen, ökologischen Ort schaffen, für Tourist*innen und für Freund*innen. Doch im Dezember 2021 wurde bekannt, dass in Słajszewo, ein paar Kilometer von unserem Grundstück, ein Atomkraftwerk gebaut werden soll.

Dass ich Atomkraftgegnerin bin, hängt auch mit meinen Erfahrungen in Deutschland zusammen. Ich kann mich gut erinnern an die Castor-Transporte nach Gorleben. Und mein Mann, der Geologie studiert hat, war selbst in der Asse und in Gorleben. Das Thema war also präsent bei uns.

Als die AKW-Pläne bekannt wurden, habe ich mich gleich auf die Suche nach Gleichgesinnten gemacht. Dabei bin ich auf Leute gestoßen, die schon früher um diesen Ort hier gekämpft haben. Es ist ja schon das dritte Mal, dass es Pläne gibt für ein Atomkraftwerk in der Region: In den 1970er und 1980er Jahren haben sie in Zarnowiec sogar angefangen zu bauen, aber das AKW wurde nicht fertiggestellt. 2010/11 ging es um Lubiatowo-Kopolino, bei uns hier um die Ecke. Und jetzt also Słajszewo. Gemeinsam mit anderen haben wir Bałtyckie-SOS gegründet. Der Name zeigt, worum es uns geht: den Schutz der polnischen Ostseeküste vor der Atomkraft. Die Regierung und Polskie Elektrownie Jadrowe (PEJ), das Staatsunternehmen, das mit dem Bau von Atomkraftwerken beauftragt ist, sagen nämlich, dass die Ostsee als Standort am besten geeignet sei, weil man das Wasser für die Kühlung brauche.

Zuerst haben wir uns am Strand von Lubiatowo getroffen, einige Kilometer von Słajszewo, und protestiert, fast jede Woche seit Februar 2022. Dann haben wir eine Website sowie Facebook- und Instagram-Accounts erstellt. Wir haben das Gespräch gesucht mit Politiker*innen und Umweltorganisationen und sogar im polnischen Senat gesprochen, der zweiten Kammer unseres Parlaments. Und wir reden mit den Menschen hier vor Ort, zeigen ihnen, was die Pläne für sie und für uns alle bedeuten. Das ist ja kein Supermarkt. Es muss eine ganze Infrastruktur entstehen, Straßen, Stromnetze … Wir würden hier 20 Jahre lang auf einer Baustelle leben. Es wäre sieben Tage die Woche rund um die Uhr laut und schmutzig, und in der Nacht wäre alles beleuchtet. Ich habe Angst. Angst vor den Gefahren der Atomkraft. Aber auch davor, dass sie kommen, den Wald roden, anfangen zu bauen, und am Ende eine Industrieruine hinterlassen wie in Zarnowiec.

Die Leute hier sehen das sehr unterschiedlich. Man lebt hier ja schon sehr lange mit der Ungewissheit. Manchen ist das alles einfach egal. Andere gehen davon aus, dass die Pläne sowieso nicht realisiert werden. Wieder andere meinen, wenn hier ein Atomkraftwerk entsteht, werden wir „reich und hässlich“, wie unser Bürgermeister sagt. Man verspricht uns goldene Straßen und goldene Laternen, dass wir Jobs haben und von den Steuergeldern gut leben werden. Wir sagen, dass wir viel zu verlieren haben. Die Landwirte fürchten um ihre Lebensgrundlage. Und viele Menschen haben sich mit viel Herzblut eine Existenz aufgebaut im Tourismus. Wenn das AKW kommt, werden sie alles verlieren. Ich glaube nicht, dass noch Tourist*innen kommen, wenn es mit der Ruhe vorbei ist.

„Sie wollen ein Atomkraftwerk bauen am schönsten Strand der Ostsee! Ein riesiger Wald soll dafür gerodet werden.“

Der Strand hier ist wunderschön, mit Sand wie Puderzucker und vielen seltenen Tierarten, Seeadlern, Kranichen, Eulen, Wölfen, Elchen. Sie wollen ein Atomkraftwerk bauen am schönsten Strand der Ostsee! Ein riesiger Wald soll dafür gerodet werden. Das ganze Gebiet rundherum ist Natura-2000-Schutzgebiet. Nur die 600 Hektar, die sie für das Atomkraftwerk roden wollen, gehören nicht dazu. Aber wenn ich da durch den Wald gehe, sehe ich keinen Unterschied zu dem im Naturschutzgebiet. Der Wald wurde zum Schutz der Dünen gepflanzt. Vor zwei Jahren gingen bei einem Herbstorkan zwei bis drei Meter Strand verloren, Bäume sind einfach umgestürzt. Ohne sie wird der feine Sand vom Wind einfach weggetragen. Wenn man diese Bäume jetzt fällt, wird das Atomkraftwerk irgendwann auf einer Insel stehen.

Bałtyckie-SOS will dagegen klagen, dass man der Bevölkerung viel zu wenig Zeit gegeben hat, zu reagieren. Das Beteiligungsverfahren war jetzt im August, mitten in der Urlaubszeit. Es war viel zu kurzfristig angekündigt, viele wussten gar nichts davon. Und wer sich mit dem Thema nicht aktiv auseinandergesetzt hat, hat dazu keine Informationen bekommen. Deswegen werden wir jetzt klagen. Wie die Chancen sind, ist schwer zu sagen. Unser Verein tritt ja gegen den Staat und PEJ an, und die meinen, dass wir das AKW unbedingt brauchen. Ich habe das Gefühl, unsere Regierung macht sowieso, was sie will.

Viel Unterstützung bekommen wir nicht. PEJ hat viel Geld in die Gemeinden hier reingepumpt und als Atomkraftgegner*innen werden wir ein bisschen belächelt. Aber was PEJ hier ausgibt, sind unsere Steuergelder. Bałtyckie-SOS finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden und bekommt Unterstützung von Professoren, von Umweltorganisationen und so weiter.

„Die Regierung hat die Solarenergie mit neuen Gesetzen weniger attraktiv gemacht. Ähnlich ist es bei der Windenergie.“

Sich auf diese Weise gegen staatliche Entscheidungen zu wehren, ist nicht einfach. Viele sagen: „Ihr seid gegen Polen.“ Nein, wir sind nicht gegen Polen und wir unterstützen alles, was eine Energieknappheit verhindert: Zum Beispiel entsteht gerade ein Offshore-Windpark mit neun Gigawatt, der bis 2030 in Betrieb gehen soll. Es gibt hier eine 300 Hektar große Photovoltaikanlage und ein Wasserkraftwerk, das man als Energiespeicher nutzen kann. Aber das Atomkraftwerk wollen wir verhindern.

Für die Energiewende hat unsere Regierung wenig getan, immer hat sie auf Kohle gesetzt. Jetzt plötzlich müssen sie was machen. Und dann planen sie ein Atomkraftwerk, mit dem sie die erneuerbaren Energien wieder ausbremsen. Über eine Million Haushalte in Polen haben inzwischen Photovoltaik auf den Dächern. Doch jetzt hat die Regierung die Solarenergie mit neuen Gesetzen weniger attraktiv gemacht. Ähnlich ist es bei der Windenergie.

Wir sind der Meinung, dass wir Energieeffizienz brauchen, erneuerbare Energien, Energiespeicher und so weiter. Wir wollen den Menschen hier und auch unserem Bürgermeister zeigen, dass diese Gegend riesiges Potential hat, eine „grüne“ Gemeinde zu werden, mit Ökostrom, Tourismus und Landwirtschaft. Wir erklären den Menschen, dass sie mit Energieeffizienz Geld sparen können. Immer mehr Leute stellen sich auf unsere Seite, das ist ein großer Erfolg. Unsere Gemeinde wirbt damit, eine „natürlich schöne Gemeinde“ zu sein, und die möchten wir für die nächste Generation erhalten – ohne Atomkraft. Das ist unser Ziel.

Neben der Arbeit mit Bałtyckie-SOS setze ich mich mit anderen Pol*innen, die im Ausland leben, für erneuerbare Energien ein. Wir suchen immer nach Leuten, die bei uns Vorträge halten können, die uns unterstützen, indem sie ihre Erfahrungen aus anderen Ländern weitergeben. Polen sollte kein Atomkraftwerk bauen. Wir brauchen keine Atomkraft, und die Natur ist das Wertvollste, was wir haben. Der Wald ist unsere grüne Lunge. Klimaschutz, für den Atomkraftwerke gebaut werden und Wälder verschwinden, ist kein Klimaschutz.

Protokoll: Anna Stender, Bettina Ackermann

Mehr Infos: baltyckie-sos.com.pl

Das Original-Interview gibt’s auch zum Hören: ausgestrahlt.de/podcast

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Anna Stender

Anna Stender kommt aus Münster und hat bereits in den Neunzigerjahren gegen Castortransporte nach Ahaus und Gorleben demonstriert. Sie ist studierte Fachübersetzerin und hat sich nach Stationen in Berlin, Köln, Bangalore, Newcastle-upon-Tyne und Jülich entschieden, in Hamburg zu bleiben. Seit 2020 ist sie als Redakteurin bei .ausgestrahlt, wo sie vor allem für den Print-Bereich schreibt.

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