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09.03.2016 | von Jan Becker

“Nuclear alla Turca” - Widerstand gegen den Bau des ersten AKW in der Türkei

Mindestens seit den frühen 70er Jahren träumt die Türkei von ihrem ersten eigenen Atomkraftwerk. Bis heute wurde keines errichtet - allerdings begannen 2015 in Akkuyu die Bauarbeiten für vier Meiler. Anti-Atom-AktivistInnen vor Ort wollen dieser Entwicklung etwas entgegensetzen und drehen jetzt einen Film, in dem sie die absurden AKW-Pläne der türkischen Regierung entlarven. Ihre Message: Die Türkei ist am Scheideweg. Entweder setzt das Land auf Atomkraft oder aber auf erneuerbare Energien.

Nuclear alla turca
Foto: nuclearallaturca.com

Während 1986 „Die Wolken Tschernobyls“ über unseren Köpfen schwebten, spielten türkische Politiker die Risiken atomarer Strahlung herunter und behaupteten, diese hätte keine negativen Auswirkungen auf unsere Gesundheit: „Ein wenig Strahlung ist gut für Dich!“, „Radioaktiver Tee schmeckt besser!“ oder etwa „Strahlung ist gut für die Knochen!“ – aus dem Munde führender türkischer Politiker.

Bereits in den frühen 1970er- und den späten 1990er-Jahren gab es Pläne für ein Atomkraftwerk am Standort Akkuyu an der Mittelmeerküste im Süden der Türkei. Diese Pläne wurden verworfen. Im Mai 2010 vereinbarte man in einem türkisch-russischen Abkommen, dass das russische Unternehmen Atomstroiexport an dieser Stelle ein AKW errichten und betreiben soll. Geplant sind vier Blöcke mit jeweils 1.200 Megawatt Leistung. Die Baukosten werden mittlerweile auf bis zu 25 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der erste Meiler sollte ursprünglich 2016 in Betrieb gehen. Allerdings verzögerte sich der Baubeginn und erst am 14. April 2015 erfolgte die offizielle Grundsteinlegung durch Energieminister Taner Yıldız - begleitet von Protestaktionen. Vor einem Jahr verschoben die Betreiber die Inbetriebnahme des ersten Reaktors auf 2022.

25 Kilometer neben aktiver Erdbebenzone

In der Türkei bebt die Erde weltweit am häufigsten. Ausgerechnet Akkuyu liegt in unmittelbarer Nähe zu einer aktiven Erdbebenzone, nur etwa 25 Kilometer entfernt vom seismischen Zentrum des sogenannten Ecemis-Grabens. Erst im Januar 2013 ereignete sich in der Region ein schweres Beben mit der Stärke 6,2. 1999 bebte die Erde mit einer Stärke von 7,8. Das neue AKW soll für Erschütterungen mit einer Magnitude von lediglich 6,5 auf der Richterskala ausgelegt werden. KritikerInnen warnen vor dem Sicherheitsrisiko. Doch Energieminister Yildiz bewertet alle Befürchtungen als „unbegründet und hysterisch“, weil der Bau „nach neuesten Sicherheitsstandards“ erfolgen werde. Das Erdbeben-Institut Kandil in Istanbul erwartet hingegen seit Jahren ein starkes Beben in der Marmara-Region und auch an der Mittelmeerküste.

Seit Veröffentlichung der AKW-Pläne sind nicht nur Ökologen und UmweltaktivistInnen, sondern selbst die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) alarmiert. Beide Stimmen verweisen aber nicht etwa auf die Erdbebengefährdung sondern auf die „mangelhafte atomare Infrastruktur“ im Land. Darüber hinaus haben sich laut Meinungsumfragen, die kurz nach der Fukushima-Katastrophe durchgeführt wurden, 65 Prozent der türkischen Bevölkerung klar gegen den Einstieg in die Atomenergienutzung ausgesprochen.

Nuclear alla Turca

Die Türkei muss sich entscheiden: Setzt sie auf Atomkraft oder auf Erneuerbare Energien? Die Atomlobby betreibt derzeit eine aggressive Werbekampagne für das erste AKW-Projekt und macht dabei selbst vor Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen nicht Halt. Ein Team um den türkische Regisseur Can Candan ist nun fest entschlossen, „diesem Wahnsinn etwas entgegenzusetzen“:

„Unser erklärtes Ziel ist es, eine breite öffentliche Diskussion zum Thema Atomenergie in der Türkei loszutreten, indem wir die stark verschleierte Geschichte der Atomenergie des Landes ans Tageslicht bringen und das Bewusstsein der Bevölkerung diesbezüglich schärfen“, so die FilmemacherInnen.

So soll ein professioneller Dokumentarfilm entstehen, der die „teils absurde, teils tragikomische Geschichte“ der Atomenergie in der Türkei zeigt. Dabei lassen sich die MacherInnen von der weltweiten Anti-Atom-Bewegung inspirieren und werfen vor allem auch einen Blick nach Deutschland. Es kommen AktivistInnen, ExpertInnen und PolitikerInnen zu Wort und schildern ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf das Thema.

„Wir wollen mit unserem Dokumentarfilm unsere Zuschauer_innen auf eine Reise mitnehmen, die diese teils zum Nachdenken, teils zum Lachen bringen und gleichzeitig Verwunderung und blankes Entsetzen auslösen wird“, verspricht Candan.

weiterlesen:

  • Umstrittener AKW-Neubau in der Türkei eingefroren
    15.12.2015 - Wie am 9. Dezember bekannt wurde, hat der türkisch-russische Konflikt um den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs im Grenzgebiet zu Syrien nun auch zur Einstellung der Bauarbeiten am ersten AKW der Türkei geführt. Russland erneuert derweil seine Planungen für das erste AKW Ägyptens, doch auch dieses Bauprojekt ist über 30 Jahre alt und war erst vor wenigen Jahren wegen der politischen Lage im Land abgesagt worden.

  • Türkei: Reaktorpläne in Erdbebengebiet sind Geheimsache
    13.05.2015 - An der südtürkischen Mittelmeerküste entsteht das erste Atomkraftwerk des Landes. Akkuyu liegt in unmittelbarer Nähe zu einer aktiven Erdbebenzone, nur etwa 25 Kilometer entfernt vom seismischen Zentrum des sogenannten Ecemis-Grabens. Die Unterlagen zu dem Projekt sind geheim.

Quellen (Auszug): nuclearallaturca.com, contratom.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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