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29.03.2017 | von Jan Becker

Mein "Gorleben-Moment" – Teil 2/5

40 Jahre sind vergangen, dass Gorleben zur Atommüllkippe der Nation ernannt wurde. Kurz danach wurde die Bürgerinitiative Umweltschutz gegründet. Am Wochenende wurde das kräftig gefeiert. Und wir veröffentlichen den nächsten Teil Eurer ganz persönlichen „Gorleben-Momente“.

Wir fragten euch nach euren „Gorleben-Momente“. Erlebnisse aus den letzten 40 Jahren, die euch in Erinnerung blieben, die euch geprägt haben. Hier kommt Teil 2 der fünfteiligen Serie.

 

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Mein Wendenpass

von Lutzi Schönberger

"Am 17. Mai 1980 (ein Samstag) war ich auf dem damals besetzten Gelände der geplanten Lagerstätte für „Atomabfälle“. Das war ein wirklich „wildes“ Gelände, es standen viele selbstgebaut Hütten, Zelte, ja sogar Erdhöhlen gab es, ich erinnere mich an eine, die „Hackies Loch“ hieß, auch andere Behausungen waren mit selbst gestalteten Namensschildern gekennzeichnet. Freunde von mir hatten hier einen alten, ausrangierten Bauwagen aufgestellt, in dem sie für die Zeit ihrer Mitbesetztung wohnten. Ich hatte mir einen Schlafsack mitgebracht, um ein Wochenende beim Besetzen zu helfen, je mehr Leute da sind, um so besser!"

Pass Republik Freies Wendland
Foto: publixviewing.de

"Es gab auf dem Gelände sogar eine Paßstelle: hier bekam ich einen Wendenpass, der mir bestätigt, daß ich ich selber bin und somit Bürger der Republik freies Wendland. Ich habe diesen Paß heute noch und freue mich, dort gewesen zu sein an einem Ort, den es nicht mehr gibt und nie wieder geben wird, außer in unseren Herzen!

Es lebe das freie Wendland!"

 

 

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Ich könnte stundenlang weiterschreiben...

von Michael "Pelle" Pelster aus Bremen

"40 Jahre Gorleben... und von Anfang an dabei... Highlights? Schwer, ein Ranking zu finden...

  • 1990 lernte ich meine jetzige Frau kennen. Gorleben kannten wir beide. Ich aus zahlreichen Aktionen über Standortentscheidung, Republik 1004 und Tag X. Sie, weil sie bei ihrem langjährigen Freund noch ein paar Schafe untergebracht hatte und alte Studienkollegen sich dort niedergelassen hatten. So lernten wir beide das Wendland neu kennen. Sie das politische Wendland, ich die Menschen.

  • Irgendwann nach 2010 bekam ich eine Überweisung von einem Cent auf mein Girokonto. Von der bäuerlichen Notgemeinschaft. Ein gelungener Versuch der Kontaktaufnahme. Ich war der beständigste Dauerspender außerhalb des Landkreises, und mangels Adresse konnten sie sich per Rücküberweisung eines Cents bei mir bedanken.

  • Castorblockade Tag Xhoch3: die ortsunkundige Polizei hat das Dorf meiner Freunde an der Strecke zu bewachen. Zwei Dixie-Klos stehen am Straßenrand. Und was machen wir statt Schienenblockade? Ziehen beide Toiletten 3 Meter nach hinten auf Privatgelände. Widerstand kann so einfach sein.

  • Mein erster Sommerurlaub im Wendland beginnt mit dem Elbehochwasser 2002. Der gesamte Landkreis setzt seine Erfahrungen im Anti-AKW-Kampf mal anders ein. Und mein erster Urlaubstag beginnt wie im Widerstand mit dem Befüllen von Sandsäcken.

Ich könnte stundenlang weiterschreiben, vom leckeren Kuchen in den Trebeler Bauernstuben, der kulturellen Landpartie oder dem Hausbau 1980 als Bürger einer freien Republik..."

 

 

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Symbolort

Thomas Herzog aus Berlin

"Für mich waren die Aufenthalte in Gorleben beeindruckend, da hier immer ein Gefühl von Solidarität und Miteinander gegeben war, trotz unterschiedlichster Protestformen vor Ort. Gorleben ist für mich das Symbol für die Möglichkeit, gemeinsam etwas verändern oder verhindern zu können."

 

 

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Ein unvergesslicher Moment mit Hale-Bopp und Großer Bärin

von Ariane Dettloff

"Wir lagen in unseren Schlaftüten auf Strohsäcken und schauten in den Himmel. Trotz des scheußlichen Anlasses unserer Massen-Blockade, dem strahlenden Atommüll im Castor-Behälter, der sich auf Gorleben zubewegte, war die Nacht traumhaft schön. Den tollsten Anblick bot der Komet Hale-Bopp mit seinem gleißenden Schweif. 1997 erleuchtete er unseren Zivilen Ungehorsam auf der Castor-Route.

Neben mir lag Tom, ein Astronomie-Student. Von ihm habe ich in dieser Nacht gelernt, dass der „Große Bär“ am Firmament eigentlich eine Bärin ist, Ursa Major. Sie war zu Lebzeiten die Nymphe Kallisto. Götter-Chef Zeus hatte sie geschwängert, und seine eifersüchtige Ehefrau Hera verwandelte sie in eine Bärin, die Zeus dann zum Gestirn machte. Immer wenn ich das Sternbild sehe, erinnere ich mich an diese Gorleben-Nacht und diese Story..."

 

 

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Heiß und kalt an der Wendland-Front!

von Wulf Denecke

"Wenn ich an die Gorleben-Jahre zurückdenke, dann fallen mir immer wieder die zwei aufeinanderfolgenden Nächte ein, die mich Extreme erleben ließen...

Es waren die Jahre, als die Gorleben-Transporte noch ins Frühjahr fielen. Als Lehrer nach fast 40 Jahren ziemlich frisch pensioniert, war ich im März mit dem Fahrrad vom Bahnhof Brahlsdorf über das Amt Neuhaus nach Tosterglope ins Zeltlager gefahren. In der Nacht fror es Stein und Bein und im dünnen Schlafsack konnte ich nur ein kleine Mütze voll Schlaf nehmen. Am nächsten Tag blockierten wir irgendwo hinter Hitzacker. Vor der nächsten Nacht graute mir. Aber der Pastor von Hitzacker hatte ein Einsehen und öffnete die Kirche als Nachtlager. Dort fand ich einen schmalen Schlafplatz gleich neben dem Altar, ohne vorher zu wissen, dass dort aus einer Öffnung im Boden die ganze Nacht über  heiße Luft in den Kirchraum geblasen wurde: Auch das eine Tortur!

Gorleben soll leben – aber die beiden Nächte werde ich mein Lebtag nicht vergessen!"

 

 

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Dialog mit der Polizei

von André Podszus

Weggetragen beim Castor 2010
Foto: publixviewing.de Weggetragen beim Castor 2010

"Gorleben 2010. Die Bundesregierung hat die Laufzeitverlängerung durchgebracht. Also muss ich mich im fortgeschrittenen Alter von 53 Jahren im nasskalten Herbst im Wendland auf die Straße setzen. Die Castoren kamen ja bekanntlich nicht so gut voran, entsprechend tagelange musste ich da rumsitzen und rumliegen, mit dem Ergebnis, dass ich bei der Räumung haarscharf vor einem Hexenschuss stand und befürchten musste, mir beim Wegtragen was Böses wegzuholen und im besten Fall auf allen Vieren ins Basiscamp kriechen zu können.

Daraus ergab sich folgender Dialog mit „meinen“ beiden Polizisten:

Ich: Moin! Ich steh kurz vorm Hexenschuss und kann mich nicht wegtragen lassen. Aber ich komme nicht freiwillig mit, Sie müssen mich abführen!

Polizist 1: Oh! Kommen Sie denn hoch?

Ich: Wird schon gehen...

(Beide Polizisten helfen mir behutsam hoch, reichen mir meine restlichen Sachen von unten an und helfen mit dem Rucksack.)

Polizist 1: Alles ok? Gut, ich fordere Sie auf, diese Demonstration freiwillig zu verlassen.

Ich: Auf keinen Fall gehe ich freiwillig!

Polizist 1: Dann müssen wir Sie jetzt abführen!

(Polizisten haken mich vorsichtig unter und führen mich von der Straße, nicht ohne mich auf Stolperfallen aufmerksam zu machen. Dafür bedanke ich mich selbstverständlich.)

Ich: Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie das hier für die Zukunft unserer Kinder auf sich genommen haben.

(Fester Händedruck Polizist 1. Auch Polizist 2 zieht seinen Handschuh aus und reicht die Hand.)

Fazit: Beide Seiten sollten nie vergessen, dass auf der anderen Seite auch einfach nur Menschen stehen."

 

 

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Zum ersten Mal in Dannenberg

von Götz Rubisch

"Das Boutique-Schaufenster in der Einkaufsmeile leergeräumt bis auf die Spanplatten, in der Mitte eine einzige Dekopuppe in schwarzer Kleidung, mit Sonnenbrille und schwarzem Schal bis unter die Augen. Ihr einziger Schmuck ist ein großes gelbes X. In der Ladentür hängt der gedruckte Hinweis: „Wir sind ab morgen auch DRAUSSEN!“

X
Foto: publixviewing.de

Draußen, wo auf einem Transparent quer über die Landstraße steht: „Besatzer raus!“ Und dort: „No Pasaran!“ Spanien 1936 - kein Durchkommen! Überall die gelben Kreuze, als Graffiti an Mauern, angenagelt an Hauswänden, aus meterlangen Brettern aufgestellt drüben am Waldrand. Überall das große X als Logo des kritischen Verhältnisses zur Macht.

Allerorten in der Gegend auch die „Stellvertreter“: Stoffpuppen, einzeln oder in Gruppen am Straßenrand stehend, sitzend oder liegend, ganze Picknick-Familien auf Campingstühlen auf der Wiese, als Beobachter in Bäumen hängend. Fast alle sind liebevoll in die Gegend drapiert, eine wird mir lange nicht aus dem Sinn gehen. Aufgeputzt wie eine Figur für Venedigs Karneval, trägt sie das X aus Klebeband über dem Mund der goldfarbenen Maske.

So sieht die Antwort der Einwohner auf Allgemeinverfügungen aus, das ist ihr Protest gegen das Abschalten der Demokratie."

Fortsetzung folgt.

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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