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30.11.2017 | von Jan Becker

Atommüll „spurlos verschwunden“

In einem spanischen Atomkraftwerk sind schon vor Jahren Behälter mit radioaktivem Inhalt „verschwunden“: Sie seien „abhanden gekommen und nicht mehr auffindbar“, so der Betreiber. Dafür muss er jetzt 1,1 Millionen Euro Strafe zahlen. Bis heute fehlen einige Atommüll-Behälter.

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Wegen „Fahrlässigkeit bei der Verwaltung radioaktiven Abfall“ hat das Nationale Strafgericht den Betreiber des Atomkraftwerks Ascó, bei Tarragona gelegen, verurteilt. Bei einer Inventur vor sechs Jahren durch Inspektoren der spanischen Atomaufsichtsbehörde waren 275 aktive sowie 518 „alte“ Behälter aufgelistet worden. Bei 233 konnten die Verantwortlichen aber keine Aussage über deren Lagerort machen, sie seien „spurlos verschwunden“, hieß es. Laut des Kraftwerksleiters seien einige zwischen 1992 und 2004 in das Atommüll-Lager El Cabril gebracht worden, andere befänden sich im kraftwerkseigenen Zwischenlager. Der Rest des schwach- und mittelaktiven Mülls wurde schlichtweg als „verlorengegangen“ deklariert. Die Dokumente gaben auch keine Auskunft über den Inhalt der fehlenden Behälter.

Betreiber legt Widerspruch ein

Die Aufsichtsbehörde leitete ein Sanktionsverfahren gegen die Betreiber der Anlage ein. Im Jahr 2014 unterzeichnete der damalige Minister José Manuel Soria einen Bußgeldbescheid über 1,1 Million Euro. Die Kraftwerks-Betreiber legten Widerspruch ein. Doch auch Jahre später konnte der Aufenthaltsort einiger fehlender Behälter nicht geklärt werden.

Kürzlich wurde die Entscheidung des Ministeriums bestätigt. Es gäbe „diverse Abweichungen und Fehler in den Registern, in den Archiven und in den Datenbänken“, heißt es in der Begründung des nationale Staatsgerichtshof Audiencia Nacional.

Während der Betreiber das Urteil jetzt zwar anerkennt, streitet er jedoch jegliches Sicherheits- oder Gesundheitsrisiko ab. Schließlich seien die Behälter „nie in die freie Verfügbarkeit gelangt“... Atomkraftgegner*innen warnen hingegen: Der Verlust des Atommülls könnte „katastrophale Folgen“ mit Schäden an Menschen und Umwelt haben.

Zahlreiche weitere Störfälle

Nach einem monatelang vertuschten Störfall im Jahre 2007 musste der Betreiber des AKW Ascó bereits eine Rekordstrafe von 15,4 Millionen Euro zahlen. Über das Ventilationssystem gelangten damals radioaktive Partikel in die Umwelt, betroffen waren auch nahegelegene Häuser und der Fluss Ebro. Greenpeace bekam fünf Monate nach dem Vorfall Informationen zugespielt und ging damit an die Öffentlichkeit.

Bei einem weiteren Störfall 2011 stand radioaktives Kühlwasser „knöcheltief“ im Reaktorbehälter. Durch ein Leck traten 25.000 Liter Flüssigkeit aus. 14 Arbeiter mussten dekontaminiert werden.

weiterlesen:

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    30.08.2017 - Beim Betrieb von Atomanlagen steht Sicherheit an erster Stelle, sagen Behörden und Betreiber. Doch was für Besucher*innen gilt, wurde bei einigen AKW-Mitarbeiter*innen nicht durchgeführt: eine Zuverlässigkeitsüberprüfung mit Datenabfragen bei den Sicherheitsbehörden.

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Quellen (Auszug): wochenblatt.es, taz.de, spiegel.de, heise.de; 1.5.2011, 20.07.2008, 27./28.11.2017,

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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