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08.02.2018 | von Jan Becker

Französische AKW in katastrophalem Zustand

Neue Zwischenfälle bestätigen die These zweier Autoren: Es ist nicht mehr die Frage, ob in einem der 58 französischen Meilern ein schwerer Unfall möglich sei, sondern wann er passiert.

Buch

Die Gefahr eines schweren Unfalls sei noch nie so groß gewesen wie heute, warnen Thierry Gadault und Hugues Demeude in ihrem neuen Buch „Nucléaire, danger immédiat“ („Atomkraft, unmittelbare Gefahr“, Erstveröffentlichung: 7. Februar 2018). Das, was sie während ihrer Recherchen gesehen haben, ist „katastrophal und beunruhigend“. Zehn der 58 Reaktoren seien in einem sehr schlechten Zustand, resümiert Buchautor Thierry Gadault nach einer sechs Jahre langen Recherche. Dazu gehören die im südfranzösischen Tricastin, in Bugey zwischen Lyon und Genf, Saint-Laurent-des-Eaux in der Nähe von Orléans und Blayais bei Bordeaux.

In Tricastin könnte zum Beispiel im Falle eines schweren Erdbebens ein Unfall ausgelöst werden, „der an Fukushima erinnere“. Die Reaktoren befinden sich sechs Meter tiefer als der Wasserspiegel des Kanals, aus dem sie ihr Kühlwasser beziehen.

Zehn Reaktorbehälter weisen Risse auf, die bereits seit ihrer Herstellung bestehen. Zudem seien neue Risse in den Wänden der Reaktorbehälter entdeckt worden, die die Atomaufsicht auf Wasserstoffeinschlüsse im Stahl zurückführe. Das Risiko weiterer Risse und damit der Instabilität steigt, je länger der Reaktor betrieben wird. Hält der Sicherheitsbehälter bei einem schweren Störfall nicht stand, gelangt Radioaktivität ins Freie.

Die Journalisten stützen ihre Aussagen auf interne Quellen, u.a. aus der Atomaufsicht ASN. EdF, Betreiber aller Atomkraftwerke, dementiert alle Vorwürfe und kündigt rechtliche Schritte gegen die Autoren an.

Doch das Buch kommt zur rechten Zeit. Ende Januar hat EdF angekündigt, dass Ende 2018 zwar die beiden Blöcke in Fessenheim vom Netz gehen werden. Danach sollen aber alle anderen Reaktoren mindestens 50 Jahre alt werden - erste Abschaltung stehen erst 2029 wieder an. Teilweise plant EdF mit Laufzeitverlängerung auf 60 Jahre. Buchautor Gadault spricht wie viele andere Kritiker*innen von 40 Jahren als eine „kritische Grenze“.

Pannen bestätigen Risiko

Am Freitag wurde ein Block des grenznahen Atomkraftwerks Cattenom unplanmäßig abgeschaltet. In Block 4 war die Hauptturbine ausgefallen. Das Ereignis wurde „von einem Wartungsproblem verursacht“, so Betreiber EdF.  Ein paar Tage zuvor war Block 3 wegen eines Defekts an einem Dampfabschlussventil im nicht-nuklearen Teil der Anlage gestoppt worden. Seit der Inbetriebnahme 1986 soll es in Cattenom mehr als 800 meldepflichtige Vorfälle gegeben haben.

Politiker fordern späteres Aus für AKW Fessenheim

Ausgerechnet für das älteste Atomkraftwerk in Frankreich machen sich jetzt 13 französische Abgeordnete und Bürgermeister aus dem Elsaß stark. In einem Brief an den französischen Umweltstaatssekretär Lecornu fordern sie, die Schließung des AKW Fessenheim bis zum Ablauf der derzeit gültigen Betriebserlaubnis aufzuschieben. Das wäre für Block 1 im Juli 2021 und für Block 2 im April 2023. Man brauche „die zusätzliche Zeit, um die wirtschaftliche Zukunft im Elsaß nach Fessenheim besser planen zu können“.

Braucht es in Frankreich erst einen GAU, um den Atomausstieg zu beschleunigen?

Deutschland machte es vor und ließ 2011 nach der Havarie von Fukushima sieben alte Meiler abschalten. Natürlich jammern die betroffenen Kommunen, die jahrzehntelang dank hohen Gewerbesteuereinnahmen aus den Kraftwerken zu den reichsten im Land gehörten. Nun müssen sie ihre mit AKW-Geldern finanzierten und subventionierten Badeanstalten oder Eissporthallen, Kulturveranstaltungen oder Zuschüsse für die Jugendarbeit wieder selbst stemmen - oder reduzieren. Die Folgen eines Super-GAU mitten in Europa wären wesentlich dramatischer.

weiterlesen:

  • Profit statt Sicherheit: Französische Meiler sollen 50 Jahre laufen
    01.02.2018 - Das Störfall-AKW Fessenheim soll Ende des Jahres endlich abgeschaltet werden. Alle anderen Meiler in Frankreich sollen noch mindestens 20 Jahre in Betrieb bleiben. Ein Spiel mit dem Feuer: Im grenznahen Atomkraftwerk Cattenom hat es vor wenigen Tagen eine Notabschaltung gegeben.

  • Es krieselt in Frankreich: Atomindustrie im Untergang
    17.01.2018 - Die internationale Atomindustrie ist weiter auf Talfahrt. Es findet ein „Ausverkauf“ statt, denn die Geschäfte laufen längst nicht mehr rentabel. Belgien prüft hingegen die Kosten für den Neubau eines AKW.

  • Noch ein Jahr Risiko
    13.12.2017 - Der Betreiber des ältesten französischen Atomkraftwerks wird erstmals konkret: Fessenheim soll zum Jahreswechsel 2018/2019 endlich abgeschaltet werden.

  • Au revoir Energiewende
    08.11.2017 - Klimaziele gehen vor, gibt die französische Regierung als Begründung an, um weiter an der Hoch-Risikotechnologie Atomkraft festzuhalten. Die ambitionierte Energiewende ist über den Haufen geworfen, das älteste AKW in Fessenheim bleibt erstmal am Netz.

  • Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.  mehr

Quellen (Auszug): swr.de, dpa, welt.de, mensch-und-atom.org; 6./7.2.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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