.ausgestrahlt-Blog

Der Betreiber des ältesten französischen Atomkraftwerks wird erstmals konkret: Fessenheim soll zum Jahreswechsel 2018/2019 endlich abgeschaltet werden.

Protestaktion am 17.9.2017 in Breisach
Foto: Tim Christensen / ROBIN WOOD

Anfang November hat Frankreich mit Verweis auf seine Klimaschutzziele einer ambitionierten Energiewende die Absage erteilt. In den kommenden zehn Jahren sollte eine Reihe der 58 Atomkraftwerke vom Netz gehen und anstatt wie heute über 70 Prozent nur noch die Hälfte der Energie aus Atomspaltung stammen. Der Plan war auch, dass bis 2030 der Anteil der Erneuerbaren auf 32 Prozent gesteigert wird. Was das AKW Fessenheim betrifft, wurde gesagt, die alten Meiler werden „während der fünfjährigen Amtszeit von Emmanuel Macron geschlossen werden“ - also bis 2022.

Das Ende wird konkreter

Mitte November soll sich Philippe Sasseigne, Chef der Atomsparte von EdF, bei einem Besuch im AKW vor den Beschäftigten erstmals selbst zur Stilllegung bekannt haben. In dieser Deutlichkeit war dies vorher nie geäußert worden.

Ende November hat es in Paris erstmals konkrete Gespräche zwischen Vertreter*innen der Regierung und der Region um das AKW über die Zukunft nach der Stilllegung gegeben. Die Ansiedlung des Elektro-Autobauer Telsa oder die Herstellung von Batterien für E-Autos sind demnach im Gespräch.

Was EdF öffentlich bestätigt, hat allerdings weiterhin einen Haken: Abhängig ist das Abschalt-Datum von der Inbetriebnahme des neuen AKW Flamanville an der Atlantikküste. Und der Zeitpunkt dafür ist noch unklar.

Praktisch schon am Ende

Doch praktisch ist einer der beiden Reaktorblöcke in Fessenheim schon am Ende: Seit Juli 2016 produziert Block 2 keinen Strom mehr. Grund dafür sind technische Mängel an einem Dampferzeuger. Die Atomaufsicht erklärte ein Prüfzertifikat für ungültig. Ein Wiederhochfahren sei „im ersten Trimester 2018 denkbar“, hieß es Anfang Dezember. Der Reaktor wird derzeit einer gründlichen Inspektion unterzogen. Bleibt er zwei Jahre lang abgeschaltet – also bis Juni 2018 – erlischt seine Betriebsgenehmigung automatisch.

Mehrfach stand seit Mitte 2016 das gesamte Werk still. Block 1 kam 2016 nur auf 70 Prozent Auslastung. Ein Leck sorgte beispielsweise im April für einen unplanmäßigen Stopp. Mitte Oktober 2016 wies die Atomaufsicht den Betreiber an, fünf seiner AKW herunterzufahren um Kontrollen an den Dampferzeugern durchzuführen. Darunter Fessenheim-1.

„Jetzt werden beide Blöcke heruntergefahren und jeder wird feststellen können, dass wir das AKW nicht brauchen, dass wir auch ohne Fessenheim nicht mit Kerzen beleuchten müssen“, hieß es vom Verein „Stop Fessenheim“.

Und es gibt einen wirtschaftlichen Grund, weshalb das AKW nicht länger betrieben werden soll: In 2019 steht die nächste in Frankreich übliche Zehnjahres-Revision an. Damit würden Investitionen nötig, die sich für EdF nicht rentieren.

Die Kritik am Weiterbetrieb wird immer lauter

Greenpeace organisierte vergangene Woche eine kreative Protestaktion: Hunderte Atomkraftgegner*innen reichten auf der Colmarer Polizeiwache Anzeige gegen EdF und den französischen Staat ein, weil sie sich durch Fessenheim bedroht fühlen.

Fessenheim liefert für die Forderung nach einem sofortigen Betriebsende laufend Argumente: Vor wenigen Tagen wurde ein Ereignis wegen seiner Brisanz nachträglich aufgewertet. Ein Druckmessgerät im Primärkreislauf des AKW war schon länger defekt als ursprünglich gedacht.

weiterlesen:

  • Au revoir Energiewende
    08.11.2017 - Klimaziele gehen vor, gibt die französische Regierung als Begründung an, um weiter an der Hoch-Risikotechnologie Atomkraft festzuhalten. Die ambitionierte Energiewende ist über den Haufen geworfen, das älteste AKW in Fessenheim bleibt erstmal am Netz.

  • Aus für Fessenheim rückt näher
    13.10.2017 - Der Streit um die endgültige Abschaltung des ältesten französischen AKW könnte im kommenden Jahr beigelegt werden. Doch diese gute Nachricht hat einen ganz üblen Beigeschmack.

  • Französische Atomaufsicht greift durch
    12.10.2017 - Die Atomaufsicht in Frankreich hat kürzlich angeordnet, dass vier Reaktoren wegen mangelnder Erdbebensicherheit abgeschaltet werden müssen. Eine neue Studie zeigt weitere schwere Mängel auf.

  • Proteste für die Stilllegung von Fessenheim
    18.09.2017 - Mehr als eintausend Menschen haben am Wochenende gegen den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Fessenheim protestiert. Ein bunter Demonstrationszug führte durch die grenznahe Stadt Breisach, wenige Kilometer von den ältesten französischen Reaktoren entfernt.

Quellen (Auszug): basellandschaftlichezeitung.ch, swr.de, schwarzwaelder-bote.de,saarbruecker-zeitung.de, badische-zeitung.de, iaea.org 4.4.2016 / 3./5./9.12.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

« zurück