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16.03.2018 | von Jan Becker

Grünes Licht für Schrottmeiler

Ausgerechnet die ältesten der alten Atommeiler haben trotz massiver Sicherheitsrisiken die Freigabe zum Wiederanfahren bekommen. Atomkraftgegner*innen sind schockiert.

Protest gegen AKW Fessenheim

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) in der Schweiz hat letzte Woche den Sicherheitsnachweis für den Block 1 des Atomkraftwerks Beznau akzeptiert und grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme gegeben. Die Anlage wurde 1969 in Betrieb genommen und ist mit ihren 49 Betriebsjahren das älteste Atomkraftwerk der Welt! Eigentlich hat kaum jemand mehr daran geglaubt, dass Beznau-1 überhaupt wieder ans Netz gehen würde. Eine gesetzliche Laufzeit-Begrenzung gibt es für die Anlage nicht.

Im Juli 2015 waren „Unregelmäßigkeiten“ im Material des Reaktordruckbehälters festgestellt worden. Daraufhin wurde bekannt, dass zahlreiche Sicherheitsunterlagen fehlen, die den Herstellungsprozess des Reaktordruckbehälters betreffen. Im Oktober 2015 bekannten sich die Betreiber dann zu etwa 1.000 Rissen in der Hülle. Nur dank neuer Messtechnik seien die „Einschlüsse von Aluminiumoxid von bis zu einem halben Zentimeter Länge“, die sich in den bis zu 17 Zentimeter dicken Stahlwänden befinden, überhaupt gefunden worden. Vergleichbare Defekte wurden auch in den belgischen AKW Tihange und Doel gefunden. Der Behälter muss u.a. bei einem Unfall dafür sorgen, dass die Radioaktivität nicht freigesetzt wird. Kritiker*innen sehen die Stabilität durch die Risse gefährdet.

Offiziell sind diese „Einschlüsse mit den üblichen Sicherheitsmargen (...) abgedeckt“ und „fertigungsbedingt“, lautet es in der Begründung der Atomaufsicht, die mit ihrer Freigabe zum Wiederanfahren die Risse für „harmlos“ erklärt, die „die Sicherheit des Reaktors nicht beeinträchtigten“. Weil sie eben schon seit der Fertigung im Jahre 1965 existieren. Der Betreiber und die Behörden wollen allerdings durch eine vollständige Katalogisierung feststellen, ob sich die Risse durch den Betrieb des Reaktors verändern.

Da keine Informationen über den tatsächlichen Zustand des Reaktordruckbehälters nach Herstellung dokumentiert sind, könne auch „nicht sicher ausgeschlossen werden, ob sich die gefundenen Anzeigen aufgrund von betrieblichen Vorgängen verändert haben, also gewachsen sind“, kritisieren Fachleute des Freiburger Öko-Instituts in einem Gutachten. Eine Aussage darüber, ob sich die Rissanzeigen innerhalb einer längeren Betriebsphase oder unter betrieblichen Belastungen wie bei einer Reaktorschnellabschaltung nicht verändern, könne „ebensowenig getroffen werden“. In den 60er Jahren hätte es allerdings Messverfahren gegeben, die derartige Schwachstellen aufzeigen konnten. Eine Dokumentation war damals aber nicht vorgeschrieben.

Trotz dieser ungeklärten Risiken soll der älteste Meiler der Welt nach rund dreijährigem Stillstand ab Ende März wieder unter Volllast produzieren. Atomkraftgegner*innen machen unterdessen mobil und kündigen Protestaktionen an. Verstärkt soll auch juristisch und politisch gegen den Weiterbetrieb vorgegangen werden. Kritiker*innen zweifeln an Methoden, Ergebnissen, Transparenz der Untersuchungen und Erdbebensicherheit der Anlage.

„Der Bundesrat soll die unbefristete Betriebsbewilligung sofort widerrufen und die Ausserbetriebnahme beider Blöcke veranlassen“, fordert darüber hinaus die grüne Fraktion im Parlament.

Das Werk entspreche nicht den aktuellen Standards und hielte weder einem Flugzeugabsturz noch einem Terroranschlag, noch einem schweren Erdbeben stand.

Grünes Licht für Fessenheim-2

Anti-Atom-Proteste verschärfen sich derzeit auch im französischen Fessenheim. Die französische Atomaufsicht ASN hatte dem seit Juni 2016 abgeschalteten Block 2 die Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme zum 31. März erteilt. Die Atomaufsicht hatte vor einem dreiviertel Jahr erhebliche Bedenken an der Robustheit und Sicherheit der Anlage geäußert und ordnete eine Kontrolle an. Der Grund waren bereits aus der Produktion herrührende Materialfehler an einem der drei Dampferzeuger. Die gelieferten Teile waren fehlerhaft dokumentiert. Die Atomaufsichtsbehörde (ASN) entzog später ein Prüfzertifikat.

In einem offenen Brief an den Chef der französischen Atomaufsichtsbehörde (ASN), Pierre-Franck Chevet, werfen Atomkraftgegner*innen schwere Vorwürfe auf. Eine Prüfkommission der Atomaufsicht habe sich „vergangene Woche positiv hinsichtlich eines erneuten Betriebs von Fessenheim-2 geäußert“. Einer der Experten soll aber abgelehnt haben, sich am Abschlussbericht zu beteiligen. Als Begründung habe er vorgetragen, das Verfahren stelle einen „schweren und äußerst bedauerlichen Angriff auf die Grundlagen der Sicherheit“ dar.

„Wir sind sehr schockiert“, so Charlotte Mijeon vom Aktionsbündnis „Stop Fessenheim“. Eigentlich sollte dieser Reaktor gar nicht mehr ans Netz gehen, weil es defekte Bestandteile gibt. „Fessenheim ist ein Risiko, Fessenheim sollte ganz stillgelegt werden, weil es alt ist, weil es zu viele Probleme gibt, weil es unsicher ist. Wir finden es inakzeptabel, dass die Atomsicherheitsbehörde Geschenke an den AKW-Betreiber EDF macht“, so Mijeon.

Beide Blöcke des ältesten Meilers von Frankreich sollen in einem Zeitfenster zwischen Ende 2018 und Sommer 2019 stillgelegt werden. Dass es trotz des Risikos doch noch zum Wiederanfahren kommt, zeige, dass sich die Atomaufsicht „dem wirtschaftlichen Kalkül des AKW-Betreibers beuge, dabei die Sicherheit der Bevölkerung aufs Spiel setzt“, so „Stop Fessenheim“ und „Alsace Nature“.

weiterlesen:

  • Französische AKW in katastrophalem Zustand
    08.02.2018 - Neue Zwischenfälle bestätigen die These zweier Autoren: Es ist nicht mehr die Frage, ob in einem der 58 französischen Meilern ein schwerer Unfall möglich sei, sondern wann er passiert.

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    12.05.2016 - Das AKW Beznau soll noch weitere sechs Monate vom Netz bleiben. Der Betreiber gibt an, Produktionsunterlagen geprüft und Schäden im Reaktorbehälter als „unbedenklich“ identifiziert zu haben. Doch gerade diese Aussage könnte auf die Verwicklung in einen größeren Skandal hinweisen.

  • 1.000 Risse im ältesten AKW der Welt
    09.10.2015 - Mitten in Europa befindet sich das älteste Atomkraftwerk der Welt: Der Block 1 des AKW Beznau in der Schweiz wurde am 1. September 1969 in Betrieb genommen. Im Herzen des Meilers, dem Reaktorbehälter, sollen sich 1.000 Risse oder sogar Löcher befinden. Das zur Zeit abgeschaltete Kraftwerk wird deshalb wohl nie wieder in Betrieb gehen können.

Quellen (Auszug): tagesschau.de, zeit.de, oeko.de, de.wikipedia.org, nzz.ch, swr.de, badische-zeitung.de; 6./10./12./18.3.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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