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20.06.2019 | von Armin Simon

„Jeder Tag mehr kostet die Gesellschaft Geld“

Interview | Der Wirtschaftswissenschaftler Christian von Hirschhausen über die Laufzeiten von AKW, über Kohlefans, die für Atomkraft werben, und über effektiven Klimaschutz.

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Foto: IAEA Atomkraft, ausgemalt in den schönsten Farben

Herr von Hirschhausen, Zehntausende Schüler*innen fordern freitags, endlich Ernst zu machen mit dem Klimaschutz. Kann Atomkraft dabei helfen?

Atomkraft ist das Falscheste, was man in der gegenwärtigen Situation machen könnte. Sie ist nicht nur keine CO2-freie Technologie, sondern im Gegenteil ein Garant dafür, dass das (fossil)-atomare System aufrechterhalten bleibt.

Atomstrom, heißt es, verursache aber zumindest geringere CO2-Emissionen als Kohlestrom.

Es geht doch darum, aus dem fossil-atomaren Zeitalter in ein 100 Prozent erneuerbares Energiesystem zu kommen. Das ist ein notwendiger Teil zur Lösung des Klimaproblems. Atomkraft ist gefährlich und nicht nachhaltig. Von daher ist die Idee, sie als ein Element zur Lösung des Klimaproblems anzusehen, absurd. Zumal sich da relativ schnell auch die konventionelle Lobby dahinter versteckt.

Kohlefans werben für Atomkraft?

Sie hoffen, so das gesamte fossil-atomare Systems aufrecht erhalten zu können. Es gibt eine langjährige und intensive Freundschaft, vielleicht sogar strategische Allianz zwischen vorgeblichen Klimaschützer*innen und Atomlobbyist*innen. Das kann man relativ gut nachvollziehen bei den Versuchen der britischen Regierung unter Tony Blair, parallel zum Klimaschutz auch die Atomkraft wieder hochzufahren. Auch im Weltklimarat (IPCC) wird Klimaschutz systematisch mit der „friedlichen“ Nutzung der Atomkraft in Verbindung gebracht.

Christian von Hirschhausen
Foto: DIW
Prof. Dr. Christian von Hirschhausen, 55, ist Leiter des Fachgebiets Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik an der TU Berlin und Forschungsdirek-tor „Internationale Infrastrukturpolitik und Industrieökonomie“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Der Wirtschaftswissen-schaftler arbeitet seit Jahren regelmäßig zu energiepolitischen Themen.

 

Was hat es mit dem Schlagwort „low carbon technologies“ auf sich?

Die Atomlobby arbeitet seit Ende der 1990er Jahre daran, Atomkraft und Erneuerbare in eine gemeinsame Kategorie zu tun. Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an den „Energiepolitischen Appell“ der Energiewirtschaft von 2010, in dem Atomkraft als eine „Brückentechnologie“ für die Erneuerbaren dargestellt wurde. Heute gibt es diesen Link insbeondere in Ländern wie Frankreich und England. Aus technischer Sicht ist das aber unsinnig, weil Atomkraft nicht flexibel ist, und Erneuerbare inzwischen durch die rasche Entwicklung von Speichern grundlastfähig geworden sind. Aus sicherheits- und geopolitischer Sicht ist Atomkraft eine Hochrisikotechnologie, die eher heute als morgen abgeschafft gehört. Und aus ökonomischer Sicht ist ein Festhalten an der Atomkraft nicht nur riskant, sondern auch un-ökonomisch, weil sie unter heutigen Rahmenbedigungen nicht wettbewerbsfähig sein kann, und somit kein Element einer kostengünstigen Klimalösung.

Atomkraftbefürworter*innen stellen die Atomtechnik immer noch als billig dar.

Dieses Narrativ geht auf die 1950er-Jahre zurück, als es darum ging, der US- beziehungsweise der Weltöffentlichkeit die Vorzüge der Technik nahezubringen, die 1945 Hiroshima und Nagasaki zerstörte. Das geflügelte Wort hierzu war „too-cheap-to-meter“, von dem US-Stromlobbyisten Strauss 1954 geprägt. Bereits in den 1960er Jahren war allerdings klar, dass Atomkraft nicht wettbewerbsfähig werden konnte, und das hat sich bis heute nicht geändert. Studiert man die Literatur der letzten 50 Jahre, gibt es keine ernsthafte Ökonomin und keinen ernsthaften Ökonomen, der behauptet hätte, Atomkraft sei rentabel. Im Übrigen ist das auch empirisch widerlegt: Mein Kollege Herr Wealer und Ko-Autor*innen haben in einer Studie alle 674 Reaktorblöcke, die jemals gebaut worden sind, analysiert – kein einziger davon war unter wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entstanden.

Trotzdem haben etliche AKW-Betreiber in der Vergangenheit Milliarden-Gewinne mit ihren Reaktoren gemacht und machen zum Teil auch heute noch Profit damit. Wie kann das sein?

Tatsächlich konnten mit vorhandenen Anlagen erhebliche Betriebsgewinne erzielt werden. Die Gesamtkosten, insbesondere die Kosten der Entwicklung, des Baus, des – über Jahrzehnte verzögerten – Rückbaus sowie der langfristigen Abfalllagerung landeten und landen bis heute jedoch beim Staat beziehungsweise den Steuerzahler*innen und – was das Risiko angeht – den Bürger*innen.

In den letzten Wochen tauchen vermehrt Stimmen auf, die öffentlich fragen, ob die sieben hier noch laufenden Meiler nicht doch länger am Netz bleiben sollten – vorgeblich aus Klimaschutzgründen.

Diese Diskussion kennen wir aus dem Jahr 2010.

Damals hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die Laufzeiten aller AKW verlängert.

…und diese Debatte ist jetzt dabei, wiederzukommen – so absurd sie auch ist. Denn jeder Tag, an dem die Meiler am Netz bleiben, kostet die Gesellschaft Geld und steigert das Unfallrisiko.

Für die Betreiber der längst abgeschriebenen Anlagen könnte es aber wirtschaftlich durchaus reizvoll sein, sie ein paar Jahre länger laufen zu lassen.

Mag sein. Dann ist es aber Aufgabe des Staates und der Gesellschaft, diese Fehlanreize zu korrigieren.

Die Bundesregierung verhandelt über einen schrittweisen Kohleausstieg. Müssen AKW länger am Netz bleiben, damit Kohlekraftwerke abschalten können?

Nein. Die AKW könnten heute in aller Ruhe abgestellt werden. Wir haben eine erhebliche Kraftwerksüberkapazität in Deutschland und Europa. In einer Studie für die Kohleausstiegsszenarien haben wir ermittelt, dass selbst ein Kohleausstieg bis 2030 unproblematisch wäre, was die Versorgungssicherheit angeht. Von daher ist es sinnvoll, die AKW eher heute als morgen vom Netz zu nehmen.

Wird Deutschland ohne Kohle- und Atomkraftwerke zum Großabnehmer für französischen Atom- und polnischen Kohlestrom?

Nein. Es sind insbesondere Erneuerbare Energien, die dann ins System kommen, weil sie kostengünstiger sind. Daneben gibt es auch über bestehende Kraftwerke in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden ausreichend Kapazitäten, sodass wir nicht angewiesen sind auf zusätzliche Atomstrommengen aus Frankreich oder Kohlestrom aus Polen.

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Foto: Andreas Abel

Ist Deutschland, was den Ausbau der Erneuerbaren Energien angeht, auf gutem Weg?

Nein. Wir müssten den Ausbaupfad von Onshore-Wind und Solar ungefähr verdreifachen und auch die Ziele für den Offshore-Windausbau hochsetzen. Das Ziel „65 Prozent erneuerbare Energien im Stromsektor bis 2030“ steht zwar im Koalitionsvertrag. Es muss jetzt aber auch umgesetzt werden.

Reicht dieses Ziel aus, um den Kohleausstieg abzupuffern?

Sinnvoll wäre es, bis 2030 schon 100% Erneuerbare im Stromsektor anzustreben. Das ist technisch machbar und ökonomisch sinnvoll, ohne dass die Versorgungssicherheit in Mitleidenschaft gezogen würde.

Welchen Effekt hätte ein stärkerer Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland auf die Atom- und Kohlekraftwerke in den angrenzenden Ländern?

Atomkraft ist überall teurer als Erneuerbare, das gilt auch in Frankreich, England, Schweden und in der Schweiz. Ist viel Erneuerbaren-Strom im Netz, gehen im gegenwärtigen System die Strompreise runter. Die Erneuerbaren verdrängen so Fossil- und Atomstrom, was ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist.

Das Umweltbundesamt beziffert den durch CO2 verursachten Schaden auf 180 Euro pro Tonne. Würde eine CO2-Abgabe, wie sie Klimaschützer*innen zu Recht fordern, der Atomkraft nicht einen immensen Wettbewerbsvorteil verschaffen?

Man müsste Vorkehrungen treffen, dass die Atomkraft als ein Sektor, der seit Jahrzehnten öffentlich subventioniert wird, von diesen Zufallsgewinnen, englisch: „windfall profits“, ausgenommen wird. Man könnte sie abziehen oder besteuern. Die beste Lösung wäre allerdings, die AKW gleich vom Netz zu nehmen, damit diese Scheingewinne gar nicht erst anfallen.

Prof. Dr. Christian von Hirschhausen, 55, ist Leiter des Fachgebiets Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik an der TU Berlin und Forschungsdirek-tor „Internationale Infrastrukturpolitik und Industrieökonomie“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Der Wirtschaftswissen-schaftler arbeitet seit Jahren regelmäßig zu energiepolitischen Themen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 43, Frühjahr 2019

Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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