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20.09.2019 | von Jan Becker

Frankreich: Jod statt Abschaltung

In sechs französischen Atomkraftwerken, darunter das älteste in Fessenheim, wurden Materialmängel festgestellt. Abgeschaltet werden die betroffenen Meiler nicht. Stattdessen bekommen Anwohner*innen Jodtabletten gegen schwere AKW-Unfälle.

Katastrophenschutz Atomunfall
Foto: Bente Stachowske

Nachdem Anfang vergangener Woche bekannt geworden war, dass einige von Framatome in Frankreich gebaute Dampferzeuger, die im Herzen zahlreicher Atomkraftwerke in vielen Ländern zum Einsatz kommen, unzureichende Schweißnähte aufweisen, sackte der Börsenkurs des staatlichen Energieversorgers EdF in den Keller. Es war unklar, welche Anlagen direkt betroffen sind und ob es durch Reparaturstillstände mögliche Folgen für die Stromversorgung und den -preis geben könnte.

Am Mittwoch wurden nun erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht, in denen EdF alle Bedenken relativiert. Zwar seien tatsächlich bei 23 Dampfgeneratoren in französischen Reaktoren Mängel an Schweißnähten festgestellt und diese der Atomaufsicht gemeldet worden. EdF spricht von „Qualitätsabweichungen“ beim speziellen Schweißprozess. 16 der Dampfgeneratoren befänden sich zurzeit sogar im Einsatz. EdF sieht aber „keinen akuten Handlungsbedarf“, weil die „Funktionsweise der Anlagen nicht beeinträchtigt“ sei.

Betroffen sind die Reaktoren 3 und 4 in Blayais, Block 3 in Bugey, Block 2 in Fessenheim, Block 4 in Dampierre-en-Burly und Reaktor 2 in Paluel. Für den „Europäischen Druckwasserreaktor“ (EPR), der in Flamanville gebaut wird, sowie für zwei Blöcke in Gravelines (5 und 6) seien die unzureichenden Dampferzeuger bereits hergestellt worden - aber noch nicht im Einsatz.

In der Vergangenheit sind öfter Serienfehler bei Bauteilen in Atomkraftwerken festgestellt worden, die in der Regel älteren Produktionsmethoden entstammen oder nur durch neue Messverfahren überhaupt gefunden werden konnten. Bei den Dampferzeugern stellt sich die Sache anders dar: Die jetzt betroffenen Bauteile wurden laut EdF erst nach 2008 hergestellt.

Framatome liefert in alle Welt, allein in 17 US-Meilern sind Dampferzeuger verbaut. Im EPR Taishan in China sind ebenfalls in Frankreich hergestellte Dampferzeuger installiert worden. Schon im Oktober 2016 waren in Unterlagen des Framatome-Konzerns (ehem. Areva) „Unregelmäßigkeiten“ gefunden worden. Auch damals waren Dampferzeuger sowie andere Großkomponenten für AKW betroffen, gefertigt in der französischen Stahlschmiede Creusot Forge (Betreiber: Framatome). Der Vorwurf: Der verwendete Stahl weise eine zu hohe Kohlenstoffkonzentration auf, die Bauteile könnten nicht ausreichend stabil sein. EdF musste zahlreiche Anlagen vom Netz nehmen und die Sicherheit nachweisen. Gegen Framatome stand der Vorwurf der „systematischen Fälschungen“ im Raum.

Jod statt Abschaltung

Doch anstatt die betroffenen Reaktoren abzuschalten und eine gründliche Überprüfung durchzuführen, werden rund um alle französischen Meiler Jod-Tabletten verteilt. Rund 2,2 Millionen Menschen, die im Umkreis von 10 bis 20 Kilometern von einem der 58 Atomkraftwerke an 19 Standorten leben, erhalten die Tabletten, die bei einem schweren Reaktorunfall vor Strahlungsschäden schützen sollen. Auch 200.000 Institutionen wie Schulen würden informiert, dass sie die Tabletten kostenlos bei Apotheken abholen können.

Nach dem GAU von Fukushima wurden die Notfallzonen rund um die deutschen Atomkraftwerke erheblich vergrößert; als „Fernzone“, in der alle Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere mit Jodtabletten versorgt werden müssen, gilt seitdem das gesamte Gebiet der Bundesrepublik.

Auch Frankreich hat die Katastrophenschutzpläne nachgebessert. Bisher galten nur Bewohner*innen des 10 km-Radius um einen Reaktor als „möglicherweise Betroffene“ von radioaktiver Freisetzung - und damit als Empfänger*innen von Jodtabletten. Jetzt ist dieser Radius um 10 km vergrößert worden.

Dass diese Annahme völlig unrealistisch ist, belegte zuletzt im Mai eine Studie aus der Schweiz. Forscher berechneten die Folgen einer möglichen Reaktorkatastrophe in einem der vier Schweizer Atomkraftwerke Leibstadt, Gösgen, Beznau, Mühleberg sowie im französischen AKW Bugey (Block 3 ist aktuell von den Dampferzeugerproblemen betroffen). Sie berücksichtigten dabei moderne meteorologische Berechnungen, neue medizinische Erkenntnisse und die Bevölkerungsdichte in möglicherweise betroffenen Regionen. Das Ergebnis: Sollte sich in einem der Meiler ein großer Unfall ereignen, wären in Europa bei ungünstiger Wetterlage mehr als hunderttausend Strahlenopfer zu erwarten. Die Strahlungswerte würden auf ein Dreißigfaches der Werte steigen, mit denen der Katastrophenschutz plane, und selbst bei geringen Windgeschwindigkeiten wäre die radioaktive Wolke innerhalb von drei bis sechs Stunden über Großstädten.

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Quellen (Auszug): edf.fr, energate-messenger.de, kurier.at, schwarzwaelder-bote.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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