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Foto: Pexels/FelixMüller

Falscher Stress

Der „Stresstest“ der Stromnetzbetreiber soll als Begründung für „Einsatzreserve“ und Weiterbetrieb der AKW herhalten. Tatsächlich zeigt er: Die Stromversorgung in Deutschland ist sicher, auch ohne Atomkraftwerke.

Anfang September haben die Übertragungsnetzbetreiber den sogenannten Stresstest veröffentlicht. .ausgestrahlt hat dessen Annahmen und Ergebnisse unter die Lupe genommen. Verschiedene Faktoren führen dazu, dass der Stresstest die Versorgungslage als kritisch darstellt, obwohl sie es nicht ist, und zudem die Rolle der AKW überschätzt:

  • veraltetes Netzmodell
  • unvollständige Kraftwerksliste
  • falsche Annahmen zur AKW-Verfügbarkeit

Darüber hinaus blendet der Stresstest die zahlreichen Risiken und Gefahren der AKW komplett aus.

Trotz dieser Fehler zeigt der Stresstest, dass die AKW in der aktuellen Krise nicht weiterhelfen. Es gibt genügend Strom – O-Ton Robert Habeck: „Wir haben kein Strommengenproblem, sondern ein Netzstabilitätsproblem.“ Dieses angebliche Netzstabilitätsproblem tritt aber in Situationen auf, in denen nicht zu wenig, sondern sehr viel Strom im Angebot ist – weil der Markt Netz- und Exportkapazitäten annimmt, die in der Realität nicht vorhanden sind. Hier hilft nur ein Anpassen des Marktes an die Physik. Möglichkeiten hierfür bietet beispielsweise Artikel 16 EU-Elektrizitätsbinnenmarktverordnung.

Auch angesichts der europäischen Situation – z.B. der massiven AKW-Ausfälle in Frankreich –  gilt: Für mehr Stromexport braucht es mehr Leitungen, nicht mehr Kraftwerke. Auf die verbrauchte Gasmenge und die Strompreise haben die AKW ohnehin keinen relevanten Einfluss – laut Stresstest würde ein Weiterbetrieb den deutschen Gasverbrauch um weniger als 0,2% reduzieren.

 

1. Vorgehensweise des Stresstest

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Mit Simulationen des Strommarkts und des Stromnetzes haben die Betreiber der Hochspannungsnetze in Deutschland untersucht: a) Könnte im kommenden Winter auch unter Extrembedingungen der angenommene Strombedarf in Nord- und Süddeutschland zu jeder Stunde gedeckt werden? b) In welchem Umfang wären Eingriffe ins Stromnetz nötig und möglich, um den gesamten am Strommarkt verkauften Strom auch liefern zu können? Den Simulationen zugrunde liegt das Wetterjahr 2012. Der Februar 2012 war der kälteste Monat der letzten zehn Jahre, zugleich wehte über einen längeren Zeitraum kaum Wind und es schien kaum Sonne („Dunkelflaute“).

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In drei sich steigernden Extremszenarien (+), (++) und (+++) unterstellt der Stresstest 1. den Ausfall von Kohlekraftwerken in Deutschland (z.B. Niedrigwasser), 2. den Ausfall jeglicher Stromexporte aus Polen, 3. den Ausfall von Reservekraftwerken (z.B. technische Probleme), 4. den Ausfall von Gaskraftwerken in Süddeutschland und Österreich (Gasmangel), 5. einen zusätzlichen Strombedarf durch elektrische Heizlüfter sowie 6. massive Ausfälle von französischen AKW und entsprechend erhöhte Stromnachfrage aus dem Ausland. Alle drei Szenarien gehen davon aus, dass die drei noch laufenden AKW in Deutschland zum gesetzlichen Abschaltdatum am 31.12.2022 vom Netz gehen.

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2. Übersehene Leitung und ignorierte Kraftwerke

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Die insbesondere für Bayern wichtige neue Stromleitung Redwitz–Mechlenreuth ist im Stromnetzmodell des Stresstests nicht enthalten. Die Leitung ist Teil des sogenannten Ostbayernrings, der aktuell ausgebaut wird. Am 27.10.2022 wurde der Abschnitt Redwitz–Mechlenreuth in Betrieb genommen und verfügt seitdem über mehr als das Doppelte der vorherigen Übertragungsleistung. Schon dies wird die Versorgungssicherheit in Bayern deutlich verbessern und auch den Bedarf an Redispatch-Kraftwerken im Süden Deutschlands reduzieren. Der Stresstest berücksichtigt beides nicht.

Darüber hinaus ignoriert der Stresstest mehr als 17 GW vorhandene regelbare Kraftwerkskapazitäten – ein Vielfaches dessen, was die AKW 2023 noch bereitstellen könnten. Der Stresstest fußt auf der regulären, jährlichen Bedarfsanalyse 2022 der Übertragungsnetzbetreiber (BA22) vom 7. März 2022. Dort ist als Datengrundlage die „Zu- und Rückbauliste“ der Bundesnetzagentur vom 03. August 2021 angegeben, die darin enthaltenen Kraftwerke mit mehr als 10 MW Leistung sind dann auf Folie 17 ausgewiesen. Der Vergleich mit der aktuellen Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur (Stand 31.5.2022) zeigt, dass zahlreiche Kraftwerke nicht berücksichtigt werden.

Dadurch fehlen im Stresstest allein an wetterunabhängig regelbaren Kraftwerken mit mehr als 10 MW Leistung: 7,1 GW Steinkohlekraftwerke, 3,8 GW Braunkohlekraftwerke, 2,8 GW Gaskraftwerke, 2,3 GW Ölkraftwerke, 1 GW sonstige Kraftwerke. Die Rückkehr von bereits stillgelegten Kraftwerken an den Markt ab Februar 2022 erklärt diese Differenz nur zum Teil. Darüber hinaus ignoriert der Stresstest zahlreiche kleinere Kraftwerke (< 10 MW), die ebenfalls regelbar sind.

Im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur, in dem tagesaktuell alle am Netz befindlichen Kraftwerke aufgelistet werden, sind sogar noch weitere Kapazitäten verzeichnet. Warum der Stresstest nicht auf diese Quelle zurückgreift, die ein sehr viel genaueres Bild der Versorgungslage in Deutschland zeichnen würde, ist unklar.

Flyer: "Gefährlich und überflüssig!" Fakten zur Debatte um den AKW-Weiterbetrieb

Deutsche Atomkraftwerke sind nicht sicher und für die Energieversorgung unnötig. Dies zeigt auch der sogenannte „Stresstest 2.0“, den die Übertragungsnetzbetreiber im September 2022 veröffentlicht haben.

Der Flyer liefert in aller Kürze die wichtigsten Argumente für das Abschalten der AKW und was der Stresstest wirklich sagt.

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3. Überschätzte Atomkraftwerke

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Der Stresstest unterstellt, dass die AKW im 1. Quartal 2023 zusammen noch kontinuierlich 2,5–2,9 GW liefern könnten, davon rund 1,7 GW aus den beiden süddeutschen AKW Isar-2 und Neckarwestheim-2. Der Eckpunkte-Vereinbarung des Wirtschaftsministeriums mit den Betreibern vom 27. September 2022 zufolge wäre der real mögliche Beitrag der beiden süddeutschen AKW allerdings deutlich geringer: Selbst nach wochenlangen Umbauarbeiten und einer gefährlichen Stückelei mit gebrauchten Brennelementen würde er tagesabhängig auf bis zu 0,7 GW sinken. Dementsprechend geringer wäre auch der mögliche Beitrag der AKW zur Stromversorgung. (Mehr Infos dazu im Blog.)

Der Stresstest hat am Beispiel des Extremszenarios (++) untersucht, was ein Streckbetrieb aller drei AKW (Weiterbetrieb Januar–März mit ca. 80%–60% Leistung) zur Deckung kurzzeitiger Lastspitzen bringen würde; Sicherheitsfragen blieben dabei außen vor. Im Ergebnis zeigt sich, dass der Strombedarf auch ohne AKW gedeckt ist. Im Extremszenario der simulierten „Dunkelflaute“ (Szenario ++ mit Weiterbetrieb) sinkt die theoretische Lastunterdeckung in Deutschland so von 1–2 Stunden (max. 700 MW) um eine (!) Stunde auf 0–1 Stunden (max. 200 MW). Da aber in einem solchen Fall schon die kurzzeitig sehr hohen Strompreise die Lastspitze kappen dürften und dieses Ziel auch sonst mit einfachen Maßnahmen zu erreichen wäre, dürfte der Nutzen der AKW hier gleich null sein.

Auch für die Netzsicherheit sind die AKW nicht nötig: In der für das Netz besonders kritischen „Starkwind/Starklast“-Situation würden die AKW einen leicht erhöhten Stromexport ermöglichen: nuklearer Ersatzstrom, der den Verkauf von billigem, aber gar nicht transportierbarem und deshalb abgeregeltem Windstrom ermöglicht. Im Stresstest wird dieser Beitrag bei 0,5 GW gesehen, real wäre er aufgrund zu optimistischer Annahmen weit geringer. Für die Versorgungssicherheit in Süddeutschland sind die AKW auch in dieser Situation überflüssig.

4. Keine Blackout-Gefahr

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Selbst unter realistischen Extrembedingungen – Extremszenario (+) – ist die Stromversorgung in Deutschland dem Stresstest zufolge jederzeit gesichert. Deutschland hat selbst in der kalten Dunkelflaute genügend Strom und ausreichend Stromleitungen. Dies gilt selbst dann, wenn ungeachtet der immensen Betriebskosten eine Million elektrische Heizlüfter monatelang nonstop laufen würden. Auch in den noch extremeren Szenarien (++) und (+++) würde es nicht zu einem Blackout kommen.

5. Dunkelflaute: unrealistische Annahmen zum Stromverbrauch

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Laut Stresstest kommt das Stromsystem in Deutschland selbst mit den in Extremszenario (+) getroffenen Annahmen problemlos zurecht. Nur im Falle von noch umfangreicheren Kraftwerksausfällen sowohl im Inland als auch im Ausland, wie sie die Extremszenarien (++) und (+++) unterstellen, prognostizieren die Simulationen im Verlauf der angenommenen mehrwöchigen „Dunkelflaute“ kurzzeitige Lastunterdeckungen. Gemeint sind damit kurze Momente, in denen die laut Modell zu erwartende Lastspitze (üblicherweise gegen 18 Uhr oder gegen 8 Uhr) größer ist als die laut Modell in diesem Moment zur Verfügung stehende Kraftwerksleistung. Im Extremszenario (++) ist dies in Deutschland in insgesamt 1–2 Stunden der Fall, im Modell fehlen kurzzeitig maximal 700 MW und insgesamt 1 GWh Strom. Im Extremszenario (+++) geht es um insgesamt 3–12 Stunden im Verlauf des fiktiven Februars, eine kurzzeitig fehlende Leistung von maximal 7.000-8.000 MW und insgesamt 17–53 GWh Strom.

Trotz der die AKW überschätzenden Annahmen zeigt der Stresstest aber auch in diese Situation, dass die AKW überflüssig sind. Nicht berücksichtigt hat die Simulation nämlich, dass der Stromverbrauch in solchen Situationen schon preisbedingt sinkt: Großverbraucher reduzieren dann temporär ihren Verbrauch und entschärfen damit die Situation, wie die Netzbetreiber selbst anmerken. Solche kritischen Stunden, so sie denn überhaupt eintreten sollten, wären zudem gut vorhersehbar. Waschmaschinen und Trockner könnten also einfach ein paar Stunden später laufen, Wärmepumpen ihren Betrieb für kurze Zeit unterbrechen. Der französische Netzbetreiber RTE etwa informiert seine Kunden über die App Ecowatt, dass sie in solchen Stunden sparsam sein sollen. All dies würde ebenfalls die Lastspitze kappen und somit eine Lastunterdeckung vermeiden. Selbst wenn alle diese Maßnahmen nicht funktionieren sollten, käme es im schlimmsten Fall zu kurzzeitigen, angekündigten und kontrollierten Abschaltungen einzelner Großverbraucher oder Quartiere – ähnlich wie bei Arbeiten am Stromnetz. Eine Blackout-Gefahr besteht nicht.

Dasselbe gilt auch in europäischer Perspektive. So sagt das Modell etwa für die Extremszenarien (++) und (+++) bei extremen Wetterbedingungen wie im Februar 2012 wegen der in den Szenarien unterstellten umfangreichen Kraftwerksausfälle kurzzeitige regionale Lastunterdeckungen irgendwo in Europa von in Summe 18 bzw. 91 Stunden voraus, mit einer maximal fehlenden Kapazität von 6.000–7.000 bzw. 18.400 Megawatt. Ein Großteil davon dürfte jeweils auf Frankreich entfallen, das bereits in den vergangenen Wintern mit regionalen Stromengpässen zu kämpfen hatte.

6. Die Mär von der Netzinstabilität: Markt versus Physik

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Netzengpässe treten nur auf, weil der Strommarkt die begrenzten Leitungskapazitäten nicht berücksichtigt. In dem im Stresstest beschriebenen „kritischen“ Szenario fürs Stromnetz ist nicht zu wenig, sondern sehr viel Strom im Angebot: In Situationen mit besonders hohem Windstrom-Angebot (starker Wind im Norden Deutschlands) decken sich wegen der dann fallenden Börsenstrompreise auch viele Stromkunden aus dem Ausland mit günstigem Strom aus Deutschland ein. Das aktuelle Strommarktdesign erlaubt dies, auch wenn die vorhandenen Stromleitungen nicht ausreichen, um diese große Menge Strom quer durch die Republik und bis in die Nachbarländer zu transportieren. Nach gängiger Praxis wird dieser zwar verkaufte, aber nicht transportierbare Strom dann im Norden abgeregelt. Zugleich werden in Süddeutschland oder im benachbarten Ausland Kraftwerke hochgefahren, die den Strom dann ersatzweise dort erzeugen, wo er verbraucht werden soll oder von wo aus er weitertransportiert werden kann. Dieses symmetrische Ab- und Hochfahren von Kraftwerken heißt „Redispatch“. Bezahlt wird dies vom Netzbetreiber und letztlich von den Stromkund*innen.

In den Extremszenarien (+), (++), und (+++) des Stresstests reicht der Simulation zufolge die im Süden für solche Situationen zur Verfügung stehende Kraftwerkskapazität – einschließlich der eigens dafür unter Vertrag genommenen Reservekraftwerke – nicht aus, um den gesamten nicht-transportierbaren und deshalb im Norden abgeregelten Strom ersatzweise im Süden zu erzeugen. Die Netzbetreiber warnen, dass für diesen Stromhandel die Leitungen oder ersatzweise Kraftwerkskapazitäten im Süden in Höhe von mehreren Gigawatt fehlen. Tatsächlich aber kann in solchen Situationen lediglich nicht so viel Strom exportiert werden, wie das Marktmodell der Netzbetreiber es vorsieht. Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist selbst in den extremsten Szenarien nicht gefährdet, denn die vorhandenen Leitungen und Reservekraftwerke reichen völlig aus, um Süddeutschland auch in solchen Situationen sicher zu versorgen.

Mit einer einfachen Anpassung der Regelungen zum Stromexport an die physikalischen Realitäten – „Es darf nur Strom exportiert werden, der auch transportiert werden kann“ – würde sich der im Stresstest genannte angeblich immense Kraftwerksbedarf im Süden (und somit das angebliche „Netzstabilitätsproblem“) sofort in Luft auflösen. Eine solche Anpassung kann auch unabhängig von der in letzter Zeit diskutierten Aufteilung Deutschlands in verschiedene Strompreiszonen geschehen. In Bezug auf die internationale Situation und den Export ist insbesondere Artikel 16 der EU-Elektrizitätsbinnenmarktverordnung relevant. Die dort vorgesehene Einschränkung von gelisteten Kapazitäten, wenn kritische Situationen nicht anders geregelt werden können, ist seit langem gängige Praxis. Absatz 3 regelt, dass die „regionalen Koordinierungszentren“, die die Übertragungskapazitäten zwischen den Strommarktzonen festlegen, diese als letztes Mittel auch verringern dürfen. In Deutschland ist für diese Zentren gemäß §57b EnWG die Bundesnetzagentur und damit das Bundeswirtschaftsministerium die zuständige Überwachungsbehörde. Gemäß Art. 16, Absatz 9 der Verordnung können zudem die Übertragungsnetzbetreiber „bei vorhersehbaren Gründen“ von der Verpflichtung entbunden werden, die auf dem Markt gelisteten Übertragungskapazitäten auch tatsächlich bereitzustellen. Auch die Übertragungsnetzbetreiber selbst nennen im Stresstest als „ultima ratio“ die Beschränkung der Exporte – was de facto einer Anpassung des Strommarktes an die physikalischen Realitäten entspräche.

7. Europäische Solidarität: was fehlt, sind Stromleitungen, nicht AKW

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Den Stromexport aus Deutschland begrenzen in erster Linie die Leitungskapazitäten, nicht fehlende Kraftwerke. Selbst im Extremszenario (+++) kann Deutschland in der Stunde maximaler Netzbelastung dem Stresstest zufolge noch mehr als 3 GW Strom exportieren oder durchleiten. Zugleich stehen in dieser Situation noch zahlreiche Kraftwerke ungenutzt herum, und zwar selbst im südwestdeutschen Netzgebiet. Siehe dazu auch die Infografik „Stromversorgung gesichert – ohne AKW“.

In der für das Stromnetz „kritischsten Stunde“ vergrößert der Weiterbetrieb der AKW in Deutschland laut Stresstest sogar den Kraftwerksmangel in Frankreich – also genau dort, wo er tatsächlich existiert (und reduziert ihn im Gegenzug in Italien). Die blauen Kreise in untenstehender Grafik geben den prognostizierten Bedarf an Reserve-Ersatzkraftwerken im Ausland im Szenario mit und ohne Weitebetrieb an. Rot eingerahmt ist der prognostizierte Bedarf an Reserve-Ersatzkraftwerken in Frankreich. Zusätzlich zeigt sich die Grafik, dass  - wie bereits erwähnt - die Atomkraft insgesamt nur einen geringen Effekt auf die Höhe des im Ausland ersatzweise neu zu produzierenden Stroms hat (Redispatch-Bedarf). Im Stresstest wird dieser Beitrag bei 0,5 GW gesehen, real wäre er aufgrund zu optimistischer Annahmen weit geringer.

 

Prognostizierten Bedarf an Reservekraftwerken in Frankreich mit und ohne Weiterbetrieb der AKW (laut Stresstest)

 

 

8. Gefährliche AKW: nur Abschalten schützt vor dem Super-GAU

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In jedem AKW kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Dies gilt auch für offiziell für „sicher“ erklärte Anlagen. So wurde etwa das AKW Fukushima Daiichi‑1 noch am 7.2.2011 von der Atomaufsicht offiziell für sicher erklärt. Einen Monat später kam es dort zum Super-GAU.

Mit zunehmendem Alter der AKW steigt das Risiko von Unfällen. Die noch laufenden deutschen AKW wurden in den 1980er Jahren gebaut, vergleichbare Technik aus anderen Bereichen gilt zurecht als Oldtimer. In den letzten Jahren wurden die Reaktoren auf Verschleiß gefahren, wichtige Nachrüstungen und Kontrollen fanden nicht mehr statt. Schon jetzt befinden sich die Atomkraftwerke im sicherheitstechnischen Blindflug: Zuletzt wurden sie 2009 nach den Regeln der früher 1980er Jahre überprüft. Den „Stand von Wissenschaft und Technik“, der auch nach Forderung des Bundesverfassungsgerichts Maßstab für die Sicherheitsbewertung sein muss, erfüllen die deutschen AKW in keiner Weise.

Im AKW Neckarwestheim-2 wurden in den letzten Jahren mehr als 350 Risse an Rohren des Primärkreislaufs entdeckt, zuletzt mit steigender Tendenz. Aufgrund schlampiger Kontrollen ging der Reaktor im Juni sogar mit einer unbekannten Anzahl unerkannter Risse wieder ans Netz. Die Risse sind von derselben Art wie die in Frankreich festgestellten, das Risswachstum nicht vorhersehbar. Obwohl baugleich mit Neckarwestheim‑2, verweigern die Betreiber des AKW Isar-2 bislang Risskontrollen – die bayerische Atomaufsicht lässt es zu.

Wegen fehlender Sicherheitsnachweise zu den Rissen steht auch die Betriebsgenehmigung des AKW Neckarwestheim‑2 auf der Kippe; der VGH Mannheim verhandelt darüber am 14. Dezember. Wer sich um die Stromversorgung sorgt, darf sich nicht auf solche AKW verlassen.

9. Fazit

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Ein Weiterbetrieb der AKW über den 31.12.2022 hinaus löst kein Problem der Energie- und der Energiepreiskrise. Dem gegenüber steht das Sicherheitsrisiko durch den Weiterbetrieb der Riss-Reaktoren, die Missachtung geltender Sicherheitsstandards, der finanzielle, organisatorische und juristische Aufwand, der Kapazitäten bindet, die wir für die wirklichen Probleme brauchen – Stichwort: Energie(preis)krise sozialverträglich bewältigen –, das für die Energiewende hierzulande und international fatale Signal einer energiepolitischen Rolle rückwärts und die Gefahr, dass aus dem vermeintlichen „Streckbetrieb“ am Ende doch ein jahrelanger Weiterbetrieb der AKW wird, wie ihn FDP, CDU, CSU und AFD ganz offen anstreben.

.ausgestrahlt fordert:

  • Alle AKW abschalten – spätestens am 31.12.2022! Das ist auch die beste Vorsorge gegen weitere Laufzeitverlängerungsdebatten.
  • Stresstest richtig lesen: Die AKW in Deutschland sind weder für die Stromversorgung noch für die Netzsicherheit nötig.
  • Der Markt muss der Physik folgen: Es darf nur Strom exportiert werden, für den es auch Leitungskapazitäten gibt – dann ist auch das Netz stabil.
  • Vorrang für Sicherheit: Sofortige Risskontrollen an den AKW Isar‑2 und Neckarwestheim‑2 nach Stand von Wissenschaft und Technik!
  • Zielführende, sozial ausgleichende Maßnahmen zur Bewältigung der Energie(preis)krise statt energieraubender und unsinniger Atom-Debatten!

Dieser Text basiert auf einem im .ausgestrahlt-Magazin 56 (Okt./Nov./Dez. 2022) erschienenen Artikel; letztes Update der Online-Version am 28.10.2022.

Sprechstunde: "Atomkraft - Irrweg in der Energiekrise"

Aufzeichnung vom 09.11.

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Online-Pressekonferenz vom 22.09.

AKW Neckarwestheim, Isar, Lingen: Übersehene Risse, verweigerte Kontrollen, fehlende Sicherheitsnachweise – und was das für die Debatte um einen Weiterbetrieb der Reaktoren bedeutet

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