Porträt | Markus Pflüger, 58, kämpft gegen Rechtsextremismus und organisiert mit dem Anti-Atom-Netz Trier Protest gegen eine Laufzeitverlängerung des AKW Cattenom
Das Anti-Atom-Netz Trier entstand aus mehreren Vorläufergruppen gegen Atomkraft. Einige haben Messstationen betrieben um das französische AKW Cattenom herum, 60 Kilometer von hier entfernt. Zum 20. Jahrestag von Tschernobyl wollten wir mal was zusammen machen, haben noch NABU, BUND und Greenpeace angesprochen und dann eine echt tolle, große Aktion bei uns auf dem Kornmarkt in Trier organisiert. Auf dem Nachtreffen haben wir dann beschlossen, weiterzumachen und an dem Thema dranzubleiben. Das ist jetzt 20 Jahre her, und im Prinzip treffen wir uns seitdem.
“Das ist, als wenn ich mit dem Auto zum TÜV fahre, und der sagt:
‚Ihr Bremse funktioniert nicht richtig, in 20 Jahren sollten sie die mal repariert haben.‘“
Damals liefen noch etliche AKW in Deutschland, Frankreich startete gerade das Endlagerprojekt in Bure, auch nicht so weit weg von hier, und dann eben das AKW Cattenom, das uns jeden Tag direkt vor der Nase bedroht. Ich war vorher in Saarbrücken im Koordinationskreis gegen Atomkraft Saar aktiv, das haben wir alles zusammengeführt.
Wir haben immer die klassischen Aktionen gemacht, Vorträge, Infostände, Mahnwachen, Kundgebungen, auch überregional, etwa in Metz und Cattenom. Über den Grenzübergang Perl-Apach südlich von hier fuhren immer die Castortransporte von und nach Frankreich, auch da haben wir Aktionen gemacht. Warum wir so lange aktiv geblieben sind? Weil wir uns als Gruppe einfach gut verstehen und immer gucken, was wir auch arbeitsteilig gut schaffen können, und dass es nicht zu viel wird. Eine gute Handvoll Leute zwischen 30 und 70 bildet den harten Kern. Hinzu kommen noch ein paar drumherum, die uns bei Aktionen unterstützen. Einer macht die Webseite, eine fuchst sich inhaltlich rein, etwa in die Gefahren von Cattenom und die geplante Laufzeitverlängerung um zehn Jahre, andere halten Reden oder organisieren den Infotisch.
Das ist ja relativ bitter, dass das AKW immer noch läuft. Wenn man überlegt, wie viele Proteste es schon gab. Ganz viele Menschen aus Luxemburg, dem Saarland, aus Rheinland-Pfalz, aber auch aus Frankreich, haben gegen den Bau protestiert. Dann ist Tschernobyl passiert, und ein paar Monate später ging Block 1 von Cattenom ans Netz. Inzwischen stehen dort vier Reaktoren, jeder hat knapp 1.400 Megawatt. Es ist eines der größten AKW in Frankreich.
Der erste Reaktor dort wird jetzt 40 Jahre alt, das war ursprünglich die Laufzeit, für die er konzipiert wurde. Wie bei vielen älteren AKW nehmen die Pannen zu. Es gab Risse. Es gibt regelmäßig Störungen und Störfälle. Die Reaktoren sind nicht gegen Flugzeugabstürze und Drohnen gewappnet, sie haben Probleme mit der Kühlung aufgrund des zunehmenden Klimawandels. Das immer wärmere Wasser verursacht zum Beispiel Probleme mit Algen, um die zu vermeiden, dürfen sie nun mehr Gift einsetzen. Bei Starkregen wiederum könnten die Pumpen überschwemmt werden. Einige Auflagen aus dem Stresstest nach Fukushima sind noch immer nicht abgearbeitet. Das muss man sich mal überlegen! Das ist, als wenn ich mit dem Auto zum TÜV fahre, und der sagt: Ihre Bremse funktioniert nicht richtig, in 20 Jahren sollten Sie die mal repariert haben. Deshalb sagen wir: Das Ding muss vom Netz, statt verlängert zu werden.
In den kommenden Jahren stehen nacheinander die 10-Jahres-Überprüfungen der vier Reaktoren an. Wir wollen, dass die Landesregierungen von Rheinland-Pfalz, dem Saarland und die Staatsregierung von Luxemburg zusammenarbeiten und sich dazu was überlegen.
Wenn es in Cattenom einen schweren Unfall gibt, liegt Deutschland in Hauptwindrichtung. Unsere Region wäre wahrscheinlich mit am stärksten betroffen. Dieser Gefahr sind sich schon viele bewusst – aber die meisten sind eben auch gut im Verdrängen. Das haben wir jetzt bei unseren Aktionen zu den Jahrestagen von Fukushima und Tschernobyl gemerkt. „Um Gottes willen, Cattenom soll noch länger laufen?“, hieß es da oft. Und dann: „Wo kann ich unterschreiben?“
Auch die Politiker*innen verdrängen leicht die Gefahr. Da muss Druck kommen aus der Bevölkerung. Deswegen haben wir jetzt die Kampagne „Stopp Cattenom!“ gegen die Laufzeitverlängerungen gestartet. 8.000 haben schon unterschrieben. Die Regierungen müssten da aktiv werden. Eine Risikostudie wäre sinnvoll. Der Klageweg könnte geprüft werden. Und es muss eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung geben, bei der alle Sicherheitsdefizite auf den Tisch kommen. Damit sie mal transparent diskutiert werden. Das könnte die Stimmung schon ändern.
Aktuell sind wir dabei, Bürgermeister*innen anzusprechen, um nach Luxemburger Vorbild eine Allianz der Gemeinden gegen Atomkraft zu starten. Das gab es auch bei Fessenheim – und die Reaktoren dort sind dann tatsächlich irgendwann vom Netz gegangen. Auch das schien lange eigentlich undenkbar. Wir haben deshalb durchaus ein bisschen Hoffnung, dass wir Sand im Getriebe sein können.
Beruflich mache ich mobile Beratung gegen Rechtsextremismus. Das ist auch superwichtig. Aber deswegen höre ich nicht auf, mich gegen Atomkraft zu engagieren. Manchmal geht das sogar Hand in Hand. Die Rechten hetzen ja nicht nur gegen Erneuerbare, sondern faseln auch von einer Renaissance der Atomkraft – so absurd das auch ist.
„Es fühlt sich besser an,
aktiv zu sein, als nichts zu tun.
Auch wenn man gegenüber
diesem riesigen Atomkoloss manchmal das Gefühl hat,
kaum eine Chance zu haben.
Die aber wollen wir nutzen!“
Neulich habe ich auf so einer Webseite mit Freizeittipps zu Cattenom mal was zu unserer „Stopp Cattenom!“-Kampagne gepostet. Viele Leser*innen haben sich da höllisch über mich aufgeregt. Aber das zeigt ja auch was. Scheinbar haben wir da einen Finger in die Wunde gelegt: Die wissen auch, dass das Ding hochgehen kann …
Zum 40. Jahrestag von Tschernobyl haben wir neulich wieder eine Aktion hier in Trier gemacht. Da gab es viel positive Resonanz. Ganz viele Leute haben Material und Aufkleber mitgenommen, die Petition unterschrieben. Der SWR hat drüber berichtet, es kam was in der Zeitung und wir haben tolle Unterstützer*innen gefunden, die jetzt auf unserer Webseite mit Statements zu finden sind. Da kommt langsam was in Gang!
Ich merke auch, es fühlt sich besser an, aktiv zu sein, als nichts zu tun. Auch wenn man gegenüber diesem riesigen Atomkoloss manchmal das Gefühl hat, kaum eine Chance zu haben. Die aber wollen wir nutzen! Durch das Handeln kommt auch wieder mehr Hoffnung. Und stell dir vor, das Ding geht hoch – dann müssen wir hier alle weg! Alle werden dann bereuen, dass sie nicht alles versucht haben.
Protokoll: Armin Simon
antiatomnetz-trier.de
Dieser Artikel erschien erstmals im .ausgestrahlt-Magazin 67 (Juni - September 2026)
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