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29.07.2016 | von Jan Becker

Grafenrheinfeld: Hunderte Einwendungen gegen Rückbaupläne

Mit einer „schallenden Ohrfeige“ für den Betreiber endet die Einspruchsfrist gegen die Rückbaupläne für den bayrischen Atomreaktor Grafenrheinfeld.

Teaserbild Rückbau / Freimessen

Seit Mittwoch nacht, 0.00 Uhr ist die Einspruchsfrist gegen die Rückbaupläne verstrichen, laut bayerischen Umweltministeriums liegen 300 Einwände vor. Der Bund Naturschutz (BN), die Grünen im Landtag und zahlreiche Privatpersonen hätten Kritik geäußert. Auch die Stadt und der Landkreis Schweinfurt, in dem sich das seit Juni 2015 abgeschaltete AKW befindet, müssen im Herbst zu einem Erörterungstermin geladen werden, wo sie die Argumente noch einmal mündlich vortragen können.

Zuletzt hatte sich Preussen-Elektra „eine schallende Ohrfeige“ vom Schweinfurter Kreistag abholen müssen. Dieser kritisierte, dass sich der Betreiber mit den vorliegenden Plänen „bei der Rückbaumaßnahme alle Optionen offen lassen will“ beziehungsweise die genauen Verfahren „selbst noch nicht einzuschätzen vermag“. Einstimmig wurden die Pläne als „nicht genehmigungsfähig“ abgelehnt.

AKW nicht so schnell wie möglich, sondern schadlos abbauen

Die Verwaltung Schweinfurts hat einen 21-seitigen Katalog erarbeitet, in dem 15 „Problemfelder“ beschrieben werden. Unter anderem sei der geplante Neubau einer Halle für schwach- und mittelradioaktive Abfälle (BeHa) nicht genehmigungsfähig, weil die 1.200 Container in die zentrale Sammelstelle Bayern in Mitterteich (Oberpfalz) verbracht werden könnten. Dort gäbe es eine Kapazität von 40.000 Behältern, nur 13.000 Stellplätze seien belegt.

Preussen-Elektra hat hingegen „eigene Berechnungen“ gemacht, demnach würde „die Kapazität in Mitterteich bei weitem nicht ausreichen“. Konkrete Zahlen werden allerdings nicht genannt.

Castor-Reparaturen künftig ein Problem

Würde der Rückbau wie vom Betreiber geplant durchgeführt, würde automatisch „schon 2027 oder noch früher“ die Betriebsgenehmigung des Zwischenlagers für hoch radioaktive Stoffe (Bella) erlischen, warnen die Fachleute vom Landratsamt Schweinfurt. In dessen Genehmigung stehe, dass die Reparatur von defekten Castoren „im Reaktorgebäude“ stattzufinden habe. Werde dies abgerissen, so entfalle auch die Betriebserlaubnis für das Zwischenlager.

Laut Preussen-Elektra ist das aber nicht der Fall, weil das Rückbauszenario bereits bei der Genehmigung des „Bella“ im Jahre 2003 berücksichtigt wurde. Im Zwischenlager ist deshalb ein weiterer Reparaturstand „für Castoren mit zwei Deckeln“ vorhanden. Allerdings geht die Betriebsgenehmigung dann nicht mehr von der Möglichkeit eines Tausches der Dichtung des Primärdeckels aus, sondern nur des Sekundärdeckels. Ist der Primärdeckel undicht, wird das Aufbringen eines dritten Deckels geplant. Dann müsste der defekte Atommüll-Behälter an einen Standort mit einer „heissen Zelle“ oder einem intakten Brennelementelagerbecken transportiert werden, wo man ihn öffnen, umladen oder reparieren kann. Ein Reaktorgebäude zum Beispiel, das noch nicht abgerissen ist.

Kritik am „Freimessen“

Die Kritik an der geplanten Freisetzung großer Mengen an schwach-radioaktiven Abfällen kann der Betreiber allerdings nicht entkräften. Zwar handelt er beim „Freimessen“ nach geltendem Recht, wenn Bauschutt bis zur Unterschreitung des Grenzwertes vermischt und dann auf konventionelle Deponien verbracht wird. Experten warnen aber vor einer langfristigen Gesundheitsgefahr, die selbst von der Politik zugunsten eines kostengünstigen AKW-Rückbaus geleugnet wird.

Hintergrund:

  • Die Rechnung kommt am Schluss
    Beim Abriss der alten Reaktoren gibt es zahlreiche Risiken und fast keine Routine – um das zu vertuschen, wird Öffentlichkeitsbeteiligung zur reinen Farce.

  • Studie zum Freimessen von radioaktivem Müll (bund.net /pdf)
    Juli 2014 — Die im Auftrag des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erstellte “Stellungnahme zu Defiziten der Regelung von Freigaben radioaktiver Stoffe in der Bundesrepublik Deutschland” beleuchtet das verdrängte Problem beim Rückbau von Atomkraftwerken.

weiterlesen:

  • Auch langfristig keine "Grüne Wiese" in Grafenrheinfeld
    08.06.2016 - Seit dem 27. Mai liegen die Unterlagen zum Rückbau des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld öffentlich aus. Während Bayerns Umweltministerin mit einer "Grünen Wiese" wirbt, üben AtomkraftgegnerInnen heftige Kritik und rufen zur Unterzeichnung einer Muster-Einwendung auf.

  • AKW-Rückbau: Übertriebene Eile ist schädlich
    23.11.2015 - Gleich an drei Standorten wurde in den vergangenen Tagen über den „Rückbau“ der dortigen Atomanlagen diskutiert. Überall gibt es Probleme. Und überall beschweren sich kritische BürgerInnen über die Verharmlosung der Gefahren und dem Umgang mit Kritik durch die Behörden und den Betreiber Eon.

  • Keine Wolke mehr über Grafenrheinfeld
    30.06.2015 - In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni wurde das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld für immer abgeschaltet. Gudrun Pausewang gelingt es bis heute, den Menschen anhand eines Szenarios um diesen Meiler das Gefühl zu vermitteln, „was ohne den Atomausstieg drohen könnte“. Damit hat die Anti-Atom-Bewegung ihr eine Menge zu verdanken.

  • „Sicherer Einschluss“ für das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld gefordert
    24.03.2015 - Eon will das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld nach Stilllegung im kommenden Mai möglichst schnell zurückbauen. AtomkraftgegnerInnen fordern hingegen, aus Sicherheitsgründen auf einen „Sicheren Einschluss“ zu setzen.

Quellen (Auszug): mainpost.de, dpa; 21./25./27.7.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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