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12.10.2017 | von Jan Becker

Französische Atomaufsicht greift durch

Die Atomaufsicht in Frankreich hat kürzlich angeordnet, dass vier Reaktoren wegen mangelnder Erdbebensicherheit abgeschaltet werden müssen. Eine neue Studie zeigt weitere schwere Mängel auf.

Protestaktion am 17.9.2017 in Breisach
Foto: Tim Christensen / ROBIN WOOD Protestaktion am 17.9.2017 in Breisach

Die französische Atomaufsicht (ASN) hat den Atomkonzern EDF verpflichtet, seine vier 900-Megawatt-Blöcke am Standort Tricastin im Rhonetal vom Netz zu nehmen. Die Gefahr einer Überflutung des Kraftwerksgeländes nach einem Erdbeben sei nicht auszuschließen. Tricastin liegt am Rhein-Rhône-Kanal „Donzère-Mondragon“ und versorgt sich aus diesem Kanal mit Kühlwasser. Der Deich, der das AKW vor Hochwasser schützen soll, könnte bei einem Erdbeben brechen, so die Atomaufsicht. Die interne und externe Katastrophenverwaltung sei „extrem schwierig“, betont die Behörde. In Frankreich gibt es jährlich etwa 1.000 geringfügige Beben. Experten rechnen damit, dass es eines Tages ein großes Beben geben könnte.

Sollte dann die gesamte Anlage von Tricastin geflutet werden, könnten so wie im japanischen Fukushima die Sicherheitsysteme versagen. Die Folge wäre eine Kernschmelze mit der Freisetzung großer Mengen von Radioaktivität. Ganze Landstriche würden verseucht und wären Jahrzehnte unbewohnbar.

Der Atomkonzern EDF, der alle französischen Atomkraftwerke betreibt, spricht in einer Stellungnahme davon, dass die Entscheidung „übertrieben“ sei. Die angeordneten Arbeiten zur Deichverstärkung sollen etwa einen Monat dauern. Anfang November sollen die Meiler dann wieder angefahren werden.

Atommeiler in Frankreich und Belgien zeigen schwere Sicherheitsmängel

In einer neuen Studie von Greenpeace Frankreich bewerten sieben unabhängige Experten die Sicherheit aller 58 französischen und sieben belgischen Atomkraftwerke. Die öffentlich nicht zugängliche Studie belegt: Sicherheitskonzepte bei Atomreaktoren konzentrieren sich überwiegend auf den Reaktor. Die Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente, in denen die höchste radioaktive Strahlung in einem Atomkraftwerk anfällt, sind hingegen kaum geschützt. Läuft das Kühlwasser etwa nach einem gezielten Terroranschlag aus den Becken aus, werden große Mengen Radioaktivität freigesetzt. Es sei unmöglich, schnell genug Kühlwasser nachzufüllen und eine Überhitzung zu verhindern, so Greenpeace.

In Japan bestand nach der Explosion in den Reaktoren von Fukushima die Gefahr, dass auch die Abklingbecken trockenfallen. Wochenlang versuchten die Behörden einen Ausfall der Wasserkühlung und dadurch eine zusätzliche radioaktive Verseuchung zu verhindern. Wäre die Radioaktivität der abgebrannten Brennstäbe in die Umwelt gelangt, hätten 50 Millionen Menschen im Großraum Tokio evakuiert werden müssen.

EDF weist diese Sicherheits-Probleme zurück. Wie verhältnismäßig einfach es allerdings ist, auf ein AKW-Gelände zu gelangen, bewiesen am Donnerstagmorgen 15 Greenpeace-Aktivist*innen in Cattenom. Sie kletterten über den Sicherheits-Zaun und zündeten unweit eines der Abklingbecken ein Feuerwerk, um auf sich aufmerksam zu machen.

Noch mehr Mängel: EDF meldet „Störfall“

Aktuell muss EDF aber weitere Schwachstellen melden: In mehreren Atomkraftwerken könnte bei einem Erdbeben die Wasserversorgung der Anlagen gefährdet sein. Rohre, die die Kraftwerke im Brandfall versorgen sollen, seien „teilweise nicht dick genug“ um die geforderte Erdbebensicherheit nachzuweisen. Bei 20 der 58 Reaktoren hätten Analysen gezeigt, dass es dadurch das Risiko einer Überschwemmung der Pumpstation gäbe. Die betroffenen Anlagen sind auch zur Versorgung der Reaktorkerne mit Kühlwasser zuständig. Bricht die Kühlung ab, kann es zur Kernschmelze kommen.

Laut EDF laufen derzeit in zahlreichen Meilern die Arbeiten zur Ertüchtigung der Rohrleitungen. Von der Atomaufsicht wurden die Schwachstellen auf Stufe 2 der internationalen Ines-Skala eingestuft, das heißt als „Störfall“. Solche Ereignisse sind in deutschen Atomanlagen sehr selten.

"Statt mit viel Geld und Aufwand an oft uralten AKW herumzudoktern, müssen Frankreich und Belgien endlich den Ausstieg aus der Risikotechnologie einleiten", so Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace in Deutschland. "Die untersuchten Atommeiler gefährden Menschen in ganz Europa."

Heftige Kritik äußert die Initiative „Stop Fessenheim“ in einem offenen Brief an ASN-Chef Pierre Bois: Während Tricastin vom Netz gehen muss, dürfe das ganz ähnliche AKW Fessenheim weiterlaufen.

weiterlesen:

  • Studie untersucht EU-weiten Atomausstieg
    22.09.2017 - Eindeutiges Ergebnis: Ein europaweiter Atomausstieg hätte wirtschaftliche Vorteile gegenüber "Business as usual".

  • Proteste für die Stilllegung von Fessenheim
    18.09.2017 - Mehr als eintausend Menschen haben am Wochenende gegen den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Fessenheim protestiert. Ein bunter Demonstrationszug führte durch die grenznahe Stadt Breisach, wenige Kilometer von den ältesten französischen Reaktoren entfernt.

  • Atomunfall – sicher ist nur das Risiko
    Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.

Quellen (Auszug): aachener-zeitung.de, greenpeace.de, greenpeace.fr, tageblatt.lu, euronews.com, presseportal.de, spiegel.de, lessentiel.lu; 29.9./10.,11., 12.10.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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