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13.10.2017 | von Jan Becker

Aus für Fessenheim rückt näher

Der Streit um die endgültige Abschaltung des ältesten französische AKW könnte könnte im kommenden Jahr beigelegt werden. Doch diese gute Nachricht hat einen ganz üblen Beigeschmack.

Es sei endlich eine „Entscheidung gefallen“, berichten Medien. Experten gehen davon aus, dass die beiden ältesten und wegen ihrer Störanfälligkeit besonders umstrittenen Reaktoren Fessenheim-1 und 2 im kommenden Jahr für immer vom Netz gehen sollten. Damit würde die jahrelange Auseinandersetzung um die Meiler direkt an der deutschen Grenze beigelegt. Besonders im Wahlkampf um das Präsidentschaftsamt hatte es politische Zusagen gegeben, doch bis heute wurden die Gegner*innen des Atomkraftwerks stets vertröstet. Den letzten Kompromiss, den die vorherige französische Regierung unter François Hollande mit dem Betreiber EDF aushandelte, bedeutet hoher Schadensersatz und eine parallele Inbetriebnahme eines neuen Reaktors in Flamanville.

Trotz Materialfehler grünes Licht für Flamanville

Frankreich: AKW Flamanville-3
Foto: google earth Frankreich: Baustelle des AKW Flamanville-3

Die Atomaufsichtsbehörde ASN hat nun der geplanten Inbetriebnahme des neuen Reaktors in Flamanville zugestimmt. Damit gibt sie im Streit um Materialfehler im Reaktordruckbehälter nach. 2015 waren Auffälligkeiten bei der Zusammensetzung des Stahls bekannt geworden, der an manchen Stellen mehr Kohlenstoff enthält als vorgesehen.

Daraufhin wurde überprüft, ob der Behälter widerstandsfähig genug ist. Das Ergebnis: Der derzeitige Deckel könne nicht über 2024 hinaus benutzt werden. Dann muss er ausgetauscht werden. Wenn während des Betriebs spezielle Kontrollen durchgeführt würden, sei der Start der im Bau befindlichen Anlage „nicht infrage gestellt“, heißt es von der Aufsichtsbehörde ASN.

Am Ärmelkanal entsteht seit Ende 2007 der einzige und seit langer Zeit erster AKW-Neubau Frankreichs, ein Europäischer Druckwasserreaktor (EPR). Entwickelt in Zusammenarbeit mit der deutschen Siemens wurde damals mit einer Fertigstellung 2012 und Baukosten in Höhe von 3,3 Milliarden Euro geplant.

Kürzlich veröffentlichte EDF aktuelle Infos zum Stand des Baus. Derzeit geht der Konzern davon aus, dass der EPR 10,5 Milliarden Euro kosten wird. Laut EDF wurde im ersten Quartal 2017 mit Kontrollen und Tests sämtlicher Schaltungen im Reaktor begonnen. Ab Ende des Jahres sollen zunächst „kalte Tests“ wie Wasserdichtheitsprüfungen bei bestimmten Drücken durchgeführt werden, im Anschluss folgen „heiße Tests“. Dabei wird die Anlage unter ähnlichen Temperatur- und Druckbedingungen wie im Betrieb gefahren. Die eigentliche Inbetriebnahme mit dem Start der radioaktiven Spaltung im Reaktorkern ist für Ende 2018 vorgesehen. Doch bisher gab es immer wieder Verzögerungen.

Weitere Verzögerungen auch in Finnland

Am finnischen Standort Olkiluoto wird seit 2005 der erste Europäischer Druckwasserreaktor überhaupt gebaut. Der Kaufpreis wurde von der französischen AREVA und Siemens ursprünglich schlüsselfertig auf etwa 3 Milliarden Euro angesetzt. Die Fertigstellung war für 2009 angekündigt. Seither wurde sie immer wieder verschoben. Kürzlich hat das Baukonsortiums Areva-Siemens bekannt gegeben, dass Olkiluoto-3 Ende 2018 ans Netz gehen und im Mai 2019 den kommerziellen Betrieb aufnehmen solle.

Der Auftraggeber Teollisuuden Voima Oyj (TVO) strengt seit 2009 wegen der Verzögerungen und Mehrkosten ein Verfahren beim Schiedsgerichtshof der Internationalen Handelskammer (ICC) an. Letzten Monat legte TVO Beschwerde gegen den Entscheid der Europäischen Kommission ein, der eine milliardenschwere Rettungsaktion des angeschlagenen französischen Nuklearkonzerns AREVA billigte. Man sei sich nicht mehr sicher, ob AREVA „all ihren laufenden und zukünftigen Verbindlichkeiten während der Fertigstellungsphase des EPR nachkommen könne“.

Schließlich sind es auch die beiden EPR-Baustellen, die AREVA den Untergang bescherten.

weiterlesen:

  • Französische Atomaufsicht greift durch
    12.10.2017 - Die Atomaufsicht in Frankreich hat kürzlich angeordnet, dass vier Reaktoren wegen mangelnder Erdbebensicherheit abgeschaltet werden müssen. Eine neue Studie zeigt weitere schwere Mängel auf.

  • Proteste für die Stilllegung von Fessenheim
    18.09.2017 - Mehr als eintausend Menschen haben am Wochenende gegen den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Fessenheim protestiert. Ein bunter Demonstrationszug führte durch die grenznahe Stadt Breisach, wenige Kilometer von den ältesten französischen Reaktoren entfernt.

  • AKW Fessenheim für immer vom Netz?
    24.07.2017 - Auch der erste Block des ältesten Atomkraftwerk Frankreichs steht jetzt still. Möglicherweise wird das umstrittene Kraftwerk nie wieder in Betrieb genommen.

  • Fessenheim: Absurde Zusicherungen & Entschädigungszahlungen für Abschaltung
    26.01.2017 - Möglicherweise rückt die endgültige Abschaltung des ältesten Meilers in Frankreich näher. Der Staat bietet dem Betreiber Zusicherungen und Entschädigungszahlungen an für das Aus beider Meiler - in absurder Größenordnung. Der Konzern hat zugestimmt. Atomkraftgegner*innen bleiben skeptisch, Arbeiter*innen kündigen an „ihr“ Atomkraftwerk zu besetzen.

Quellen (Auszug): amerikawoche.com, regio-news.de, nuklearforum.ch, baden.fm, energiefirmen.de, de.wikipedia.org; 10./11./12.10.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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