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09.01.2020 | von Jan Becker

Atompropaganda? Nein danke.

In der Ausgabe 51/2019 (14. Dezember 2019) berichtete der Spiegel auffallend positiv über Atomkraft als vermeintliches Mittel zur Lösung der Klimakrise. Die Stiftung des US-Amerikaners Bill Gates, der seit Jahren „neue Reaktorkonzepte“ propagiert, unterstützt den Spiegel finanziell. Gibt es einen Zusammenhang?

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Titelseite des "Spiegel" Nr. 51/2019

Seit einem halben Jahr unterstützt die Stiftung des milliardenschweren Atominvestors Bill Gates den vom Auflagenschwund gebeutelten „Spiegel“, berichtet der Hamburger Politologe und Fernsehjournalist Oliver Neß, Mitorganisator des Literaturfestivals „Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage“. Darin sieht er einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Zuwendungen und den Veröffentlichungen zu angeblich neuartigen „Kernreaktoren der Zukunft“.

Bill Gates gründete schon 2006 das Technologieunternehmen TerraPower, das sich der Entwicklung sogenannter „Laufwellen- und Flüssigsalzreaktoren“ verschrieben hat. Finanzielle Unterstützung erhält das Projekt unter anderem vom US-Energieministerium. Gates, der bekanntlich mit den Microsoft-Produkten zu einem der reichsten Männer der Welt geworden ist, spricht von einer „revolutionären Kernkraft-Technologie“, mit der er ein „großes Menschheitsproblem lösen“ will. Doch schon bei der ersten Umsetzung hapert es gewaltig: In China sollte ein Prototyp mit einer Leistung von 600 Megawatt gebaut werden. Weil die US-Regierung im Export von Nuklearwissen nach China aber ein Sicherheitsrisiko sah, wurde der Deal unmöglich gemacht.

Zurück auf Los?

Keine Gefahr, kein gefährlicher Müll, keine horrenden Kosten, dafür ganz viel Energie. Das alles dank der neuen wellenkugeldualfluidbrüterflüssigsalzmolekularen Superdupermeiler „Generation IV“. Doch die Versprechen u.a. von Bill Gates sind dieselben wie die der Atomlobby aus den 1950er-Jahren.

Denn „neu“ sind die Reaktorideen alle nicht. Der Flüssigsalzreaktor etwa stammt aus den 1950er-Jahren. Ein solcher stationärer Meiler lief immerhin zwei Jahre. Danach war klar: Das Salz verursacht immense Korrosionsprobleme, zudem ist die Strahlenbelastung aufgrund der vielen Spaltprodukte hoch, und es entstehen große Mengen radioaktiven Tritiums, die unaufhaltbar in die Umgebung entweichen. Die US-Regierung stoppte das Projekt.

Tatsächlich lösen die Nuklearvisionen keines der zahlreichen Atom-Probleme. Und die meistgehypten neuen AKW-Modelle liefern sogar Rohstoff für Atombomben frei Haus.

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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