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11.09.2020 | von Jan Becker

Warntag „fehlgeschlagen“

Um 11.00 Uhr am 10. September sollten deutschlandweit die Sirenen heulen um die Warnung der Bevölkerung bei großen Gefahrenlagen wie Unwettern oder Anschlägen zu üben. Auch bei einem schweren Unfall in einem Atomkraftwerk ist der Katastrophenschutz auf dieses System angewiesen. Funktioniert hat es nicht.

Katastrophenschutz Atomunfall
Foto: Bente Stachowske

Das Bundesinnenministerium bezeichnet den landesweiten Probealarm als „fehlgeschlagen“. Wegen eines „technischen Problems“ seien zum Beispiel Meldungen über WarnApps erst verspätet versendet worden, es sei zu einer regelrechten Verstopfung der digitalen Kanäle gekommen. Es habe zahlreiche Kommunikationspannen gegeben, einzelne regionale Leitstellen hätten sich „nicht an Absprachen gehalten“. An vielen Orten seien die Warntöne von der Bevölkerung nicht mal wahrgenommen worden – weil die Sirenen schon vor Jahren abgebaut wurden. Stimmen aus der Politik sehen „praktisch in ganz Deutschland dringenden Handlungsbedarf“. Dieser „Warntag“ soll künftig einmal im Jahr stattfinden.

Schnelle Warnung der Bevölkerung bei Atomunfall unbedingt nötig

Mit zunehmendem Alter der Atomkraftwerke – und das betrifft natürlich nicht nur die Anlage in Deutschland – werden Unfälle durch zum Beispiel Materialversagen immer wahrscheinlicher. Bei vergangenen Defekten war es aber immer auch die „Fehlerquelle Mensch“, falsche Entscheidungen führten zu schlimmen Folgen. Keines der sechs noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland ist gegen den Absturz eines großen Passagierflugzeugs oder gegen ein starkes Erdbeben geschützt. Selbst Blitz, Sturm oder Hochwasser können zum Super-GAU führen, der Klimawandel verschärft diese Gefahren zunehmend. Dass ein GAU in einem Atomkraftwerk möglich ist, bestreiten nicht mal die Betreiber oder Behörden. Dass es hierzulande bisher nicht zu einer Reaktorkatastrophe kam, war mehrfach nur Zufall und Glück.

Havariert ein Reaktor und setzt sein hochradioaktives Inventar in die Umwelt frei, müssen die Menschen im Umfeld des Meiler sofort gewarnt werden. Sie müssen umgehend die Region verlassen, damit ihre Gesundheit nicht geschädigt wird. In der Regel entsteht eine „radioaktive Wolke“, abhängig von der Windrichtung werden die strahlenden Partikel über das Land verbreitet und fallen mit dem Regen auf die Erde. Auch in diesen Regionen muss die Bevölkerung umgehend gewarnt und evakuiert werden.

2014 fand die Simulation eines Super-GAU im Atomkraftwerk Emsland statt. Dass es bei dieser geheimen Übung eklatante Mängel gab, erfuhr damals die „taz“ nur aus internen Ministeriums-Akten. Die Bevölkerung sei erst zu einem Zeitpunkt gewarnt worden, zu dem die radioaktive Wolke bereits Millionen Menschen erreicht hätte.

Grundlage für die Warnung der Bevölkerung ist eine funktionstüchtige und schnelle Kommunikation zwischen den zuständigen Behörden und den Menschen. Die gibt es aber seit Jahrzehnten nicht, dass hat auch der gestrige „Warntag“ eindrücklich belegt.

Über die geplante Verteilung von Jodpillen gegen Strahlenschäden, verzweifelten Menschen, die auf verstopften Straßen festsitzen oder fehlender Haftungsvorsorge gegen GAU-Schäden: Es gibt zahlreiche Kritikpunkte an einem „Katastrophenmanagement“ bei einem Super-GAU. Die Atomkraftwerke dürfen trotzdem betrieben werden.

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Quellen (Auszug): tagesschau.de, merkur.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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