Blind auf der Suche

27.07.2022 | Angela Wolff
54% des Bundesgebiets sollen „günstige“ Bedingungen für ein Atommüll-Bergwerk aufweisen, sagt die Bundesgesellschaft für Endlagerung. Nicht alle der als "Teilgebiete" farbig markierten Regionen sind allerdings gleich "heiß" im Rennen
Foto: Illustration: Resi Bönig 54% des Bundesgebiets sollen „günstige“ Bedingungen für ein Atommüll-Bergwerk aufweisen, sagt die Bundesgesellschaft für Endlagerung. Nicht alle der als "Teilgebiete" farbig markierten Regionen sind allerdings gleich "heiß" im Rennen

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung muss die Standortsuche eingrenzen, verweigert aber eine offene Debatte über die sehr unterschiedliche geologische Datenlage

Bundesweit sind insgesamt 90 „Teilgebiete“ in der ersten Vorauswahl der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) gelandet, die nach einem Standort für ein tiefengeologisches Atommüll-Lager für hochradioaktive Abfälle sucht. Als „Teilgebiet“ ausgewiesen sind lokal begrenzte Standorte wie Salzstöcke, aber auch riesige Gebiete umfassende geologische Formationen – insgesamt 54 Prozent des Bundesgebiets.

Im nächsten Verfahrensschritt muss die BGE ihre Auswahl auf lediglich zehn klarer begrenzte Standortregionen reduzieren, die dann erstmals auch übertägig erkundet werden sollen. Bis zu diesem Punkt darf die BGE ihre Entscheidungen ausschließlich auf Basis vorhandener Erkundungsdaten treffen. Da diese Daten aber in der Regel von Rohstoff-Firmen erhoben werden, klaffen dort, wo noch nie oder kaum nach Rohstoffen gesucht wurde, riesige Datenlücken. Während der Norden Deutschlands vergleichsweise gut erkundet ist, nimmt die Datendichte Richtung Süden ab. Bisher ist das kaum zum Tragen gekommen, weil die BGE ihre Vorauswahl in erster Linie nicht auf reale Daten, sondern auf Untergrundmodelle gestützt hat. Sie ist deshalb, anders als im Standortauswahlgesetz vorgesehen, mit ihrem ersten Zwischenbericht auch nur zu einer sehr groben Gebietsauswahl gekommen.

Im nun anstehenden nächsten Auswahlschritt wird die BGE auch konkrete Erkundungsdaten hinzuziehen. Diese kann sie als Bezugsdaten zwar weiterhin auch auf noch  unerkundete Gebiete übertragen. Sie wird aber unweigerlich an den Punkt kommen, wo das nicht mehr ausreicht – spätestens dann, wenn sie entscheiden muss, welche zehn Regionen sie für die kostenintensiven übertägigen Erkundungen vorschlägt. Es ist schwer vorstellbar, dass dies Standorte sein werden, zu denen kaum reale Daten vorliegen. Die BGE leugnet dieses Problem jedoch, anstatt die notwendige offene Debatte über den Umgang mit der stark unterschiedlichen Datenlage beim Suchverfahren zu führen.

Der Arbeitsstil der Bundesgesellschaft ist auch fünf Jahre nach dem Neustart bei der Atommüll-Lager-Suche insgesamt intransparent. So ist aktuell völlig unklar, wie viel Zeit der nächste Auswahlschritt beanspruchen wird. Die BGE will vorerst keine Angaben dazu machen, ob sie mit zwei, vier, fünf oder auch mehr Jahren rechnet. Unklar ist auch, ob, wann und wie die BGE die Öffentlichkeit über Gebietsausschlüsse informieren wird. Zwar hat BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz auf Nachfrage angekündigt, man habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und er könne sich vorstellen, die Öffentlichkeit jährlich zu informieren; in dem umfangreichen Methodenkonzept, das die BGE kürzlich veröffentlicht hat, steht dazu allerdings kein Wort. Und ob das Atommüll-Bundesamt einer regelmäßigen Information zustimmt, ist auch offen. 2017 hatte die Behörde der BGE noch untersagt, Zwischenergebnisse bekannt zu geben …

Dieser Text erschien erstmalig im .ausgestrahlt-Magazin 55 (Juni/Juli/August 2022)

weiterlesen:

  • Echte Beteiligungsrechte bei der Standortsuche
    4.8.2021: Die Konsultationsrechte im Standortauswahlgesetz reichen nicht aus. Es braucht echte Mitbestimmungsrechte, damit eine gesellschaftliche Verständigung gelingt und damit berechtigte Einwände der Betroffenen nicht übergangen werden können.
  • Teilgebiete-Konferenz: Im falschen Zug
    25.5.2021: Mehrheits- und Machtspiele dominieren die Teilgebiete-Konferenz, geologische Daten bleiben unberücksichtigt. Mit einem fairen Suchverfahren hat das nichts zu tun. Betroffene wenden sich enttäuscht ab.
  • Das große Nebelwerfen
  • 9.11.2020: Der erste Zwischenbericht zur Standortsuche für ein tiefengeologisches Atommüll-Lager verklärt mehr, als dass er erhellt. Denn über viele Gebiete, die er ausweist, ist so gut wie nichts bekannt. Und sie sind so zahlreich, dass niemand sich betroffen fühlt – selbst dort nicht, wo es dringend angebracht wäre
  • Gorleben lebt
    5.11.2020: Das jahrzehntelange, beharrliche Engagement Zehntausender Atomkraftgegner*innen bringt das geplante Atommüll-Lager im maroden Salzstock Gorleben zu Fall. Die Entscheidung korrigiert einen alten, eklatanten Fehler. Die des neuen Suchverfahrens aber bleiben.
  • weiterführende Informationen im Infoportal Standortsuche
  • Ist Deine Region betroffen? Karte "Potentielle Standorte"
  • Fragen und Antworten - Die wichtigsten Fragen und Antworten zur langfristigen Lagerung von hochradioaktivem Atommüll.
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Angela Wolff

Angela Wolff ist zwischen Braunkohlekraftwerk und Atomreaktor im Rheinischen Revier aufgewachsen. Heute lebt sie an der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein und setzt sich dort ehrenamtlich gegen verfehlte Atompolitik ein. Angela hat Medien- und Kulturwissenschaften studiert. Bevor sie 2017 als Redakteurin Teil des .ausgestrahlt-Teams wurde, hat sie für TV- und Filmproduktionen, Info-Kampagnen und Magazine geschrieben. Ab 2019 war sie Campaignerin bei .ausgestrahlt und hat insbesondere zu den Themen Klima und Atom, Standortsuche und AKW-Abriss gearbeitet. Seit Anfang 2022 ist Angela Wolff Referentin für Atom- und Energiepolitik beim BUND.

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