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08.02.2017 | von Jan Becker

Keine Wiederinbetriebnahme des AKW Leibstadt!

Vor allem in Süddeutschland laufen Atomkraftgegner*innen zur Zeit Sturm gegen die Wiederinbetriebnahme des grenznahen Schweizer Atomkraftwerks Leibstadt. Trotz nicht geklärter Korrosionsprobleme im Reaktorkern soll es wieder in Betrieb genommen werden.

Luftbild Atomkraftwerk Leibstadt, Schweiz. Bild: google
Foto: google Luftbild Atomkraftwerk Leibstadt, Schweiz

Bereits 2014 war ein Brennstabschaden entdeckt worden. Im August letzten Jahres wurden im Zusammenhang mit der jährlichen Revision Verfärbungen an den Hüllrohren einiger der 648 Brennelemente festgestellt. Nähere Untersuchungen wiesen auf Oxidation, also Rost, hin. Im Sommer 2015 sprach der Betreiber von einem kleineren Schaden: lediglich in acht Brennelementen seien diese Verfärbungen gefunden worden.

Im Rahmen der Ursachenanalyse inspizierte der Betreiber daraufhin 200 Brennelemente mit fast 20.000 Brennstäben aus verschiedenen Betriebszyklen. Unter diesen seien 47 mit Befunden entdeckt worden, davon 15 „stärker betroffen“, berichtete das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI, zuständig für die Atomaufsicht, im vergangenen Dezember. Die Folge solcher Mängel können Lecks sein, durch die radioaktives Inventar in den Kühlkreislauf gelangt. Bislang, so das ENSI, sei dies nicht geschehen. Atomkraftgegner*innen weisen darauf hin, dass bislang offenbar gar nicht alle Brennelemente untersucht worden sind.

„Dryouts“ seit 2012/2013

Da alle Rost-Befunde im oberen Bereich der Brennelemente entdeckt wurden, lässt das nach Meinung von Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) nur einen Schluss zu: Die Brennstäbe lagerten zumindest zeitweise nicht in vollem Umfang im Kühlwasser.

„Um eine optimale Kühlung der Brennstäbe zu gewährleisten, müssen die Hüllrohre immer mit einem Wasserfilm bedeckt sein“, schreibt das ENSI.

Durch dieses „Trockenfallen“, in Fachkreisen „dryout“ genannt, werden die Brennstäbe nicht vollständig gekühlt. Das kann zu unerwünschten lokalen Überhitzungen und Verformungen führen. Verformen sich Brennstäbe, können die Steuerstäbe, die die Kettenreaktion bremsen oder stoppen sollen, nicht reibungslos eingeführt werden und damit ihren Dienst versagen.

„Lokal und zeitlich begrenzt hat die Kühlung nicht der Auslegung des Reaktors entsprochen“, so Andreas Pfeiffer, Direktor des AKW Leibstadt.

Schweiz: "Dryout" im AKW Leibstadt
Foto: ensi.ch Schweiz: "Dryout" im AKW Leibstadt

Nach den ersten Untersuchungen ergriff der Betreiber des Kraftwerks für den Betriebszyklus 2015/2016 Maßnahmen, um solche „Dryouts“ zu verhindern. Doch bei der Inspektion der Brennelemente im Rahmen der Jahresrevision 2016 wurden erneut stärker oxidierte Stellen an Brennstäben entdeckt, die ebenfalls durch „Dryouts“ verursacht worden sind.

Laut einer Mitteilung der Atomaufsicht im Dezember 2016 haben sich in Leibstadt „während mehrerer Betriebszyklen systematisch kritische Siedezustände“ ereignet. Das ENSI schätzt, dass dies seit mindestens 2012/2013 der Fall war. Die Ursache müsse ein Versagen der Kühlung der Brennstäbe im Reaktor sein, so die Atomaufsicht. Greenpeace hält es für möglich, dass die sukzessive Leistungserhöhungen des Meilers seit 1984 Ursache der Probleme sein könnte. Abschließende Ergebnisse liegen bislang aber nicht vor.

Der Betreiber räumt ein, dass die Problematik zusammen mit dem Brennelemente-Hersteller Westinghouse bereits 2015 erkannt wurde. Man habe „umgehend die Behörden verständigt“. Weil „die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen seien“ wurde die Öffentlichkeit bislang nicht informiert, so Kraftwerksdirektor Pfeiffer.

Wiederinbetriebnahme für Mitte Februar beantragt

Der Betreiber hat nun trotz allem die Wiederinbetriebnahme des Reaktors bei der Atomaufsichtsbehörde beantragt. Wegen der Schäden soll die Leistung des 1.275 Megawatt-Meilers um zehn Prozent reduziert werden. Das ENSI erteilte kürzlich die Freigabe für die Kernbeladung des Reaktors. Die Vorbereitungen für das Hochfahren des Atomkraftwerks Mitte Februar laufen also. Für den Betreiber drängt die Zeit, denn jeder Tag Stillstand bedeutet rund eine Million Franken Verlust.

Atomkraftgegner*innen protestieren gegen Inbetriebnahme dieser „black box“

Das Risiko eines „dryout“ ist auch bei reduzierter Leistung gegeben, warnen Atomkraftgegner*innen. Der Trinationale Atomschutzverband (TRAS) verlangt in einem Brief an die Aufsichtsbehörde, auf die Wiederinbetriebnahme des AKW Leibstadt zu verzichten. Bisher sei keine wissenschaftliche Darstellung der Korrosionsursachen oder der Kombination der Ursachen veröffentlicht worden. Das ENSI solle eine Überprüfung durch unabhängige Fachstellen, mit voller Transparenz für die Bevölkerung, vornehmen.

„Eine grössere Havarie eines Atomkraftwerks darf nicht vorkommen. Deshalb soll auf die Wiederinbetriebnahme das Atomkraftwerks Leibstadt bis auf weiteres verzichtet werden.“ (TRAS)

Die Gefahren der Inbetriebnahme einer solchen „black box“ seien für Mensch und Umwelt „enorm hoch“. Es wäre „deshalb angemessen, dass der Betreiber des AKW Leibstadt und die Aufsichtsbehörde ENSI die Schäden in Leibstadt ernst nehmen“, fordert der TRAS.

Leibstadt ist ein Siedewasserreaktor, der seit 1984 in Betrieb ist. In der Schweiz gibt es insgesamt fünf aktive Reaktoren, darunter Beznau-1, das älteste AKW der Welt. Mit ganz knapper Mehrheit wurde kürzlich ein schneller Atomausstieg abgelehnt.

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Quellen (Auszug): srf.ch, ensi.ch, hochrhein-zeitung.de, badische-zeitung.de; 19.12.2016 / 1.,8.2.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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