Atomkraft in den USA

Reaktorschließungen trotz staatlicher Rettungspakete für AKW, Trumps Atommüll-Pläne und mehr als 15.000 zu sanierende Ex-Uranminen

 

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Atom-Landkarte in den USA - ein Überblick

 

Die USA haben die weltgrößte Atomindustrie, aber auch hier ist sie in einem nahezu unvermeidlichen Niedergang. Zwar gab es keine politische Entscheidung, die Atomkraft auslaufen zu lassen oder zurückzufahren, ganz im Gegenteil: Die US-Regierung ist pro Atomkraft und bietet dieser Subventio-nen und Anreize zur Unterstützung. Dennoch werden Reaktoren abgeschaltet – und es ist ausgeschlossen, dass ausreichend neue gebaut werden, um diese zu ersetzen.
Derzeit sind noch 99 Reaktoren an 60 Standorten in Betrieb, sie produzieren 20 Prozent des im Land erzeugten Stroms. Doch die Zahlen sind rückläufig: Sechs Reaktoren stellten zwischen 2013 und 2016 ihren Betrieb ein, acht weitere sollen bis 2025 folgen. Etliche weitere Abschaltungen werden erwartet; Prognosen zufolge werden mehr als die Hälfte der US-Reaktoren bis 2020 unwirtschaftlich sein.
Gleichzeitig sind fast alle Pläne, neue Reaktoren zu bauen, gescheitert. Von den 31 Reaktoren, die seit 2005 in den USA geplant wurden, sind ganze vier überhaupt in Bau gegangen, der Rest wurde auf unbestimmte Zeit verschoben oder storniert. Dieses Jahr haben diese vier neuen Reaktoren dann ihren Hersteller Westinghouse in den Konkurs getrieben. Zwei davon – AKW Summer 2 und 3, in South Carolina – wurden im Juli gecancelt, das Aus für die beiden anderen – AKW Vogtle 3 und 4, in Georgia – wird geprüft.

Staatshilfen zum Weiterbetrieb
Die Ursache dafür sind, neben dem Druck der Anti-Atom-Bewegung, wirtschaftliche und Sicherheitsprobleme. Die Graswurzel-Anti-Atom-Bewegung ist in den USA weit verbreitet, und Kampagnen haben es geschafft, sieben Reaktoren zu schließen und neue in den letzten Jahren zu stoppen. Darüber hinaus haben AKW-Betreiber aus finanziellen Gründen drei weitere Reaktoren geschlossen. Viele Meiler werden zu teuer im Betrieb und ihre Besitzer verlieren Dutzende Millionen Dollar pro Jahr. Die US-Reaktoren sind im Schnitt über 37 Jahre alt, die Wartungskosten steigen stark. In einigen Fällen können Betreiber die Kosten für größere Reparaturen nicht mehr rechtfertigen und sind so gezwungen, die Anlagen zu schließen.

Allerdings drängt die Branche auf milliardenschwere Rettungspakete und Subventionen. Der größte AKW-Betreiber Exelon etwa, mit 25 Reaktoren in fünf Staaten, hat mithilfe von Subventionen der Staaten New York und Illinois, die sich im Laufe der nächsten 12 Jahre auf geschätzt etwa 10 Milliarden Dollar belaufen werden, die Schließung von sieben Reaktoren abgewendet. Andere Subventionsersuchen waren bisher noch nicht erfolgreich, in vier Staaten scheiterten die Rettungsaktionen gar. Nun aber hat sich die Trump-Regierung der Sache angenommen. Am 28. September veröffentlichte das US-Energieministerium zwei Vorschläge, um die Atomkraft über Wasser zu halten: zum einen Subventionen für Dutzende von Atom- und Kohlekraftwerken, die sich bis 2030 leicht auf mehr als 100 Milliarden Dollar summieren könnten, zum anderen staatliche Darlehen in Höhe von 3,7 Milliarden Dollar, um die Reaktoren Vogtle 3 und 4 fertigzustellen – zusätzlich zu den bereits gewährten Darlehen in Höhe von 8,3 Milliarden Dollar. Diese Maßnahmen würden die Atomkraft für ein ganzes Jahrzehnt stützen, sie vor Konkurrenz schützen und den Ausbau der erneuerbaren Energien untergraben.

Wiederaufnahme des Yucca-Mountain-Projekts
Darüber hinaus drängt die Atomindustrie auf neue Atommüll-Gesetze. So hat die Obama-Regierung das Projekt eines Atommülllagers im Yucca-Mountain wegen der geologischen Probleme dort gestoppt. Die neue Gesetzgebung aber würde die Bundesbehörden zwingen, es wieder aufzunehmen. Zudem würde sie die Wasserrechte des Bundesstaats Nevada überschreiben – und damit ein Kernprinzip der US-Verfassung untergraben. Genauso schlimm sind die zentralen Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente, die das Gesetz vorsieht. Sie würden massenhaft Atomtransporte quer durch das ganze Land nach sich ziehen, bevor die Frage der langfristigen Lagerung je geklärt wäre. De facto würden aus den Zwischenlagern dann permanente oberirdische Atommüll-Deponien.

Anti-Atom- und Umwelt-Gruppen aus den ganzen USA kämpfen dafür, sowohl die Atommüll-Gesetzgebung als auch die wirtschaftlichen AKW-Rettungspakete zu stoppen. Daneben gibt es Widerstand gegen Uran-Bergbau-Projekte und Aktionen für eine Sanierung der über 15.000 verlassenen Uranminen, die überproportional häufig auf indigenem Territorium liegen – das ist das wahre Erbe der Atomenergie.  

Autor: Tim Judson
Nuclear Information and Resource Service (NIRS)

www.nirs.org

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 37, Oktober 2017