Kernfusion: zu teuer, zu kompliziert, zu spät
Ein altes englisches Sprichwort sagt: "Wenn es zu schön erscheint, um wahr zu sein, ist es das vermutlich auch." Genau das trifft auf die Kernfusion zu. Trotz vereinzelter Teilerfolgsmeldungen bleibt sie ein Luftschloss. Ein (bisher nur theoretisch möglicher) produktiver Einsatz käme viel zu spät, um die Klimakrise zu lösen. Zudem ist die Technologie bei Weitem nicht so sicher und harmlos, wie es oft suggeriert wird.
Seifenblase Kernfusion
Seit mehr als sieben Jahrzehnten wird an der Kernfusion geforscht, ohne dass eine kommerzielle Nutzung in Reichweite gerückt wäre. Trotzdem präsentieren Politik und Öffentlichkeit die Technologie als Lösung für Klimakrise und Energieknappheit – so als stünde ihr Einsatz unmittelbar bevor.
"Wenn über Kernfusion berichtet wird, dann sind Superlative, Weltrekorde und Durchbrüche ein weit verbreitetes Stilmittel. (... ) Nicht nur für Laien ist es bei dem zu beobachtenden üppigen Gebrauch reißerischer Sprache schwierig bis unmöglich einzuschätzen, welche tatsächliche Relevanz Meldungen dieser Art für die praktische Umsetzung von Fusionskraftwerken haben.“ 1
Die Gründung zahlreicher Fusions-Start-ups in Deutschland und anderswo spiegelt das wachsende Interesse an der Technologie wider. Sie ist aber kein Zeichen für eine bevorstehende Markteinführung. Der Hype um Kernfusion schafft seine eigene Nachfrage: Staatliche Fördergelder, Kooperationen mit Forschungsinstituten und Investitionen von Risikokapitalgeber*innen machen die Entwicklung attraktiv – unabhängig davon, ob jemals ein marktreifes Produkt entsteht. Seit den 1950er Jahren gilt die Kernfusion als Energie der Zukunft – und wird es wohl auch bleiben.
SICHER UND SAUBER?
Tritium ist radioaktiv und bei der Fusion entstehen schnelle Neutronen, die stabile Atomkerne in den Reaktorwänden in radioaktive Isotope umwandeln. Die Bauteile eines Fusionskraftwerks müssten wegen der extremen Belastung häufig ausgetauscht werden. Dabei würden große Mengen schwach und mittelradioaktiven Atommülls anfallen. Trotzdem fordern Befürworter*innen der Kernfusion oft Sonderregelungen außerhalb des Atomgesetzes. Doch der Strahlenschutz muss beim Umgang mit Radioaktivität immer an erster Stelle stehen.
Im Vergleich zur Kernspaltung gilt die Kernfusion als sicherer und sauberer. Maßstab muss jedoch der heutige Stand der Technik im Energiesystem sein: Wind und Sonne sind günstig, erzeugen keine radioaktiven Abfälle und sind bereits heute verfügbar.
Teuer, teurer, Kernfusion?
Die tatsächlichen Kosten der Fusionsstromerzeugung sind noch spekulativ – doch eines ist sicher: Die Technologie erfordert immense Investitionen. Aufgrund der enormen technischen Komplexität werden sich Kostensenkungen bei Bau und Betrieb nur begrenzt realisieren lassen. Fusionskraftwerke werden deshalb wohl dauerhaft eine der teuersten Energiequellen bleiben.
Proliferationsrisiken - Atomwaffen für alle?
Kernfusionskraftwerke könnten die Verbreitung von Atomwaffen erleichtern:
Tritium ist ein wichtiger Bestandteil von Nuklearwaffen und wird direkt per Kernfusion erbrütet. Dabei könnte es unbemerkt für militärische Zwecke abgezweigt werden.
Mithilfe von Fusionsneutronen kann aus Uran Plutonium produziert werden – ein weiterer Baustein von Atomwaffen.
Hinzu kommt ein DualUseEffekt: Die Forschung an Magnet- und Trägheitsfusion liefert Wissen und Technologien, die für militärische Zwecke nutzbar sind.
Kernfusion und Energiewende
Neue Start-ups kündigen erste Testreaktoren teils bereits für 2035 an, obwohl sie – wenn überhaupt – erst deutlich später realisierbar wären. Selbst im optimistischsten Fall kämen sie viel zu spät, um zum Erreichen der Klimaziele bis 2050 beizutragen. Für den Klimaschutz sind Kernfusionsreaktoren irrelevant.
Hinzu kommt: Ein Stromsystem auf Basis von Erneuerbaren braucht Flexibilität, Speicher und intelligente Steuerung. Kernfusionskraftwerke wären hingegen groß und träge – sie könnten erneuerbare Energien nicht sinnvoll ergänzen.
Was braucht es stattdessen?
Der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien sowie Investitionen in moderne Stromnetze, Speichertechnologien und Energieeffizienz sind die Grundlage für eine erfolgreiche Energiewende. Hier liegen die entscheidenden Hebel.
Träume von Kernfusion lenken von echten Lösungen ab. Schon die anhaltende Diskussion um die Seifenblase Kernfusion schürt Zweifel an der Energiewende, verunsichert Investor*innen und verzögert die dringend notwendige Modernisierung des Stromsystems.
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Kernfusion im Strahlenschutzgesetz – reicht das?
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BLogbeitrag: Fusionskraftwerke? Wenn sie denn kommen, kommen sie viel zu spät (2022)
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FAQ: Bitte Kernfusion nur auf der Sonne! (Fassung vom 30.01.2025)
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Website: Nukleare Technologien unter der Lupe (Zukunft ohne Kernkraft e.V.)
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Studie: Auf dem Weg zu einem möglichen Kernfusionskraftwerk. Wissenslücken und Forschungsbedarfe aus Sicht der Technikfolgenabschätzung (2025)