Karte mit Atomkraftwerken in der Türkei

Atomkraft in der Türkei

Große Reaktorpläne im Erdbebengebiet

Die Werbekampagne pro Atom beginnt schon am Flughafen in Istanbul. Wir stehen in der Warteschlange an der Gepäckausgabe und sehen das Werbebild „Akkuyu Nükleer“ mit den drei lachenden Jungs: „Die starke Türkei wird neue, saubere Energie erzeugen – Energie im Atomkraftwerk Akkuyu“.

Auch auf dem Weg zum Hotel, an den Brücken, auf der Straßenbahn, überall finden sich die Werbesprüche, die Atomkraft als saubere, nachhaltige, sichere Energiequelle preisen, die das Land unabhängig machen würde. Ministerpräsident Erdoğan und sein Energieminister Yıldız wollen um jeden Preis acht oder mehr AKW errichten lassen, es wären die ersten in der Türkei. Der russische Staatskonzern Rosatom soll in Akkuyu, an der Mittelmeerküste 150 Kilometer westlich der Großstadt Mersin, insgesamt vier 1.200-Megawatt-Reaktoren bauen, finanzieren und betreiben, ein japanisch-französisches Konsortium von Mitsubishi und GDF Suez vier weitere in der Stadt Sinop am Schwarzen Meer errichten. Als ein dritter Standort ist İğneada, unweit der Grenze zu Bulgarien, im Gespräch.

Breiter Widerstand

Gegen die Atomprojekte hat sich mittlerweile ein breiter Widerstand in der Bevölkerung entwickelt. Zahlreiche Bürgerinitiativen etwa haben gegen die AKW in Akkuyu Einwendungen erhoben, die von den Behörden allerdings vollkommen ignoriert wurden. Eines der Hauptargumente ist die akute Erdbebengefahr wegen der aktiven tektonischen Bruchlinien. So erschütterte am 27. Juni 1998 ein Erdbeben der Stärke 6,3 die in der Region liegende Großstadt Adana. Damals starben 145 Menschen, ca. 1.500 wurden verletzt.

Für Empörung sorgt zudem das im Dezember 2014 anlässlich des Besuchs des russischen Ministerpräsidenten Putin veröffentlichte sogenannte Umweltgutachten. Türkische Medien enthüllten, dass das begutachtende Unternehmen über gar keine professionelle Erfahrung in Umweltfragen verfügt. Die Unterschriften der Gutachter–Ingenieure waren gefälscht. Der türkische Nuklearphysiker Hayrettin Kılıç wies darauf hin, dass die Berechnung der radioaktiven Umgebungskontamination extrem fehlerhaft sei und nicht den internationalen Standards genüge. Die türkische Ärztekammer kritisierte, dass die gesundheitlichen Auswirkungen der Niedrigstrahlung in der Umgebung des Reaktors nicht berücksichtigt seien und dass es keine wirksame Katastrophenschutzplanung gebe. Zahlreiche Bürger, unter anderem der bekannte Umweltanwalt Arif Ali Cangı aus Izmir, haben wegen der Fehleinschätzungen im Gutachten Klage beim Verwaltungsgericht erhoben. Selbst die alles andere als atomkritische Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) bemängelte, es sei unklar, wie der türkische Staat eine von Rosatom unabhängige und fachlich kompetente Atomaufsicht gewährleisten wolle. Bei der offiziellen Grundsteinlegung Mitte April ging die Polizei mit Wasserwerfern gegen die DemonstrantInnen vor.

Einstieg in die Urananreicherung

Auch der Bau der Reaktoren in Sinop an der Schwarzmeerküste, für die schon der Wald gerodet wird, ist hoch umstritten. An dem im September 2013, zweieinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima, geschlossenen Vertrag ist auch die japanische Regierung unter Atomkraftfan Ministerpräsident Abe beteiligt. Inzwischen auch vom japanischen Parlament mehrheitlich bestätigt, legt das Abkommen unter anderem fest, dass die Türkei Zugang zur Uran-Anreicherungstechnik erhalten soll, was die Möglichkeit der Proliferation in sich birgt – auch die Türkei könnte dann im Prinzip atomwaffenfähiges Material produzieren.

Ende April, zum 29. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl, protestierten 40.000 AtomkraftgegnerInnen gegen den Bau von AKWs in der Türkei und forderten die Regierung auf, endlich per Gesetz die Weichen für eine Energiewende, für Sonne und Windkraft, zu setzen. Und in Nikosia auf Zypern trifft sich Anfang Mai das „Netzwerk für ein atomfreies Mittelmeer“, um den Widerstand gegen den Bau des AKW Akkuyu zu stärken.

Alper Öktem, Angelika Claußen / IPPNW – Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung reisten, unterstützt vom Europäischen Tschernobylnetzwerk und dem Internationalen Bildungswerk Dortmund, zuletzt im April durch die Türkei, um den Widerstand in der Bevölkerung gegen die Atomprojekte zu unterstützen.

Mehr Infos:
ippnw.de/aktiv-werden/kampagnen/tuerkei-atomfrei
nukleersiz.org (türkisch)
portal.nukleerkarsitiplatform.org (türkisch)

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Dieser Text ist ursprünglich im .ausgestrahlt-Rundbrief Nr. 28 (Mai 2015) erschienen.