Atomkraft in Kanada

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Kleine modulare Reaktoren sollen neue Märkte für Uran schaffen

Die kanadische Atomindustrie entstand im Zweiten Weltkrieg als Nebenprodukt des Atombombenbaus. 1943 verständigten sich die USA, Großbritannien und Kanada darauf, gemeinsam die ersten Atombomben zu entwickeln. Kanada verfügte über das erforderliche Uran. Zeitgleich arbeiteten französische, britische und kanadische Wissenschaftler*innen in Kanada an der Erforschung von Plutonium. 1944 gab es grünes Licht für Kanadas ersten Reaktor zur Plutoniumherstellung in Chalk River.
Bis 1965 war Uran das viertwichtigste Exportgut Kanadas; alles nur für Atomwaffen! Auch Plutonium für militärische Zwecke verkaufte das Land, um die zivile Atomforschung zu finanzieren.


Zivil-militärische Verquickung

Die Atomstromproduktion startete 1954. Elf Jahre später gab es bereits sechs „CANDU“-
Reaktoren. Diese nutzen Natururan, benötigen also keine Urananreicherung, und erlauben es relativ einfach, Waffenplutonium zu gewinnen. Sie wurden auch nach Indien, Pakistan und Taiwan exportiert. 1978 liefen in Kanada 16 Reaktoren, der allergrößte Teil davon in der Provinz Ontario, acht weitere waren in Bau oder in Auftrag gegeben. Geplant waren noch viel mehr, bestellt aber wurde nach 1978 keiner mehr. Heute liefern noch 19 Reaktoren zusammen ein Siebtel des Stroms.
1974 zündete Indien eine Atombombe aus Plutonium, das aus einem kanadischen Reaktor stammte, und Kanada verkaufte die CANDU-Technik an die autoritären Regimes in Südkorea und Argentinien. Das führte zu Protesten und zu einem wachsenden Bewusstsein für die Gefahren der Atomenergie. Die Anti-Atom-Bewegung entstand.

1978 gab Québec Pläne für Dutzende AKW auf und verbot den Neubau von Reaktoren. In Ontario sprach sich eine Untersuchungskommission dafür aus, den Bau von Reaktoren zu untersagen, bis eine Lösung für die sichere Entsorgung des bestrahlten Brennstoffs gefunden wäre – eine Herausforderung, derer sich die meisten Kanadier*innen bis dahin nicht bewusst waren.

Forschungsprojekte und Untersuchungen führten zur Empfehlung, die Entsorgung der radioaktiven Abfälle einer unabhängigen Behörde zu übertragen. Die Regierung aber beauftragte eine von den AKW-Betreibern gegründete Organisation, einen Standort für ein von diesen favorisiertes tiefengeologisches Lager zu suchen. Dabei sollte sie auch die lokale Bevölkerung und die indigenen Völker konsultieren.

Zahlreiche Provinzen lehnten die Teilnahme an dem Verfahren ab. Die indigenen Völker sprachen sich gegen die geplanten Transporte und das Vergraben des Atommülls auf ihrem Territorium aus und forderten, solche Abfälle nicht mehr zu produzieren. Die Liste der Standort-Kandidaten für ein tiefengeologisches Lager schrumpfte bis 2019 von 22 auf 2.


Uranbergbau und die Folgen

Das Bewusstsein für die gesundheitlichen und ökologischen Gefahren des Uranabbaus wuchs in den 1970ern. Die vielen Lungenkrebsfälle bei Minenarbeiter*innen, 220 Millionen Tonnen langlebige radioaktive Abfälle und massive radioaktive Kontamination am Standort der weltgrößten Urankonversionsanlage Port Hope führten zu öffentlichen Protesten gegen den Ausbau der Urananlagen. In der Folge verboten die Provinzen British Columbia und Nova Scotia bereits in den 1980ern den Uranabbau.

Ein Peak der Uranpreise in den Jahren 2007–2010, ausgelöst durch den Glauben an eine „Renaissance“ der Atomkraft, führte zu einem starken Anstieg der geologischen Erkundungen. Auch die Provinz Nova Scotia verbot daraufhin den Abbau von Uran, Québec erließ ein Moratorium.

Die Uranpreisblase platze 2010. Die „Renaissance“ floppte, große Atomkonzerne in der ganzen Welt gerieten in Schwierigkeiten. Kanada verkaufte die staatliche CANDU-Industrie für 15 Millionen Dollar an SNC-Lavalin. Der Urangigant Cameco schloss einige seiner ertragreichsten Minen und entließ Tausende von Mitarbeiter*innen. Trotzdem ist Kanada bis heute der zweitgrößte Uranproduzent weltweit.

Um die Atomindustrie zu retten, neue Absatzmärkte für Uran zu schaffen und um dem Vorwurf zu begegnen, nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen, will Kanada jetzt kleine modulare Reaktoren (SMR) fördern. Drei verschiedene Konzepte, ungetestet und ohne Genehmigung werden diskutiert, die Provinz New Brunswick hat 10 Millionen Dollar in die beiden dortigen investiert und drängt auf weitere staatliche Gelder. Doch der Widerstand wächst, unter anderem hat sich die Vertretung der 133 First Nations in Ontario entschieden gegen SMR ausgesprochen. Die Regierung hingegen stellt die neuen Reaktoren von Umweltprüfungsverfahren frei, der radioaktive Müll soll möglicherweise direkt vor Ort vergraben werden dürfen. 


Autor: Gordon Edwards, The Canadian Coalition for Nuclear Responsibility -ccnr.org


Dieser Text erschien im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 47 (Mai 2020).

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Die Texte im .ausgestrahlt-Blog beschreiben die Situation zum Zeitpunkt ihres Erscheinens und werden nicht aktualisiert. Aktuelle Informationen zu atompolitischen Entwicklungen - aufgeschlüsselt nach einzelnen Ländern - gibt es im "World Nuclear Status Report" auf www.worldnuclearreport.org.

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