Ein Atomunfall und seine Folgen

Fukushima-Schaden
Foto: Tepco (Betreiber des AKW Fukushima Daiichi) Ruine des AKW in Fukushima-Daiichi

Von den Anfängen der Atomkraft bis heute kam und kommt es in Atomkraftwerken und anderen Atomanlagen immer wieder zu schweren Unfällen mit zum Teil katastrophalen Auswirkungen. Die folgende Liste ist nur eine kleine Auswahl.

Beispiel: Windscale

Im Oktober 1957 bricht in einem Plutonium-Produktions-Reaktor im Atomkomplex Windscale an der Westküste Großbritanniens ein Feuer aus. Die radioaktive Wolke zieht bis aufs europäische Festland. Eine Wasserstoffexplosion, die bei den Löschaktionen möglich gewesen wäre, bleibt glücklicherweise aus; sie hätte die gesamten britischen Inseln verstrahlt. Die britische Regierung lässt kontaminierte Milch aus der näheren Umgebung ins Meer schütten; das wahre Ausmaß der Katastrophe aber vertuscht sie mehr als 30 Jahre. Auch um die Erinnerung an den Unfall zu verwischen, wird der Standort 1981 in "Sellafield" umbenannt.

Beispiel: Majak

Im September 1957 versagt im russischen Atomkomplex Majak die Kühlung eines Behälters mit hochradioaktiven flüssigen Rückständen aus der Wiederaufarbeitung; es kommt zu einer Explosion. Der radioaktive Fallout treibt 300 Kilometer weit und verseucht eine Fläche von 20.000 Quadratkilometern. Trotz der dünnen Besiedelung des Gebietes sind 270.000 Menschen erhöhten Strahlendosen ausgesetzt. Die Sowjetunion räumt den Unfall erst 1989 ein.

Beispiel: Three Mile Island/Harrisburg

Im US-amerikanischen Harrisburg führen am 28. März 1979 im neuen Block 2 des AKW Three Mile Island technische Fehler und menschliches Versagen zu einer Wasserstoffexplosion. Um den Druck zu senken, lassen die Reaktorfahrer radioaktive Gase, Dampf und Wasserstoff in die Umwelt ab. Radioaktiv verseuchtes Wasser fließt in den Susquehanna-Fluss. Erst 36 Stunden später werden kleinere Kinder und Schwangere aus der 5-Meilen-Zone evakuiert. Weitere 200.000 Menschen ergreifen die Flucht. Die gesundheitlichen Folgen der Teil-Kernschmelze werden kaum untersucht.

Beispiel: Tschernobyl

Zum ersten Super-GAU in einem AKW kommt es am 26. April 1986 im ukrainischen Tschernobyl. In Block 4 des Atomkraftwerks gerät die Kettenreaktion außer Kontrolle; er explodiert und brennt danach zehn Tage lang. Eine mächtige radioaktive Wolke verseucht die Region und zieht über ganz Europa. Mehr als 300.000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen; das benachbarte Prypjat, das damals 50.000 Einwohner zählt, ist heute eine Geisterstadt. Das Sowjetregime schickte 800.000 „Liquidatoren“ zu Lösch- und Aufräumarbeiten, die allermeisten sind heute Invaliden. Unabhängige Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als 125.000 von ihnen nicht mehr am Leben sind. Die Neugeborenen-Sterblichkeit ist erhöht. Fehlbildungen nehmen mit jeder Generation zu. Selbst in Teilen Süddeutschlands, in 1.000 Kilometer Entfernung, sind Wild, Beeren und Pilze bis heute so hoch radioaktiv belastet, dass die Behörden vom Verzehr abraten.

Beispiel: Fukushima

2011 fällt nach einem Erdbeben in allen sechs Reaktoren des AKW Fukushima-Daiichi im Hochtechnologieland Japan die Kühlung aus. In den drei zum Zeitpunkt des Erdbebens aktiven Reaktorblöcken 1–3 kommt es zur Kernschmelze, in Block 4 droht das Abklingbecken trocken zu laufen und die darin liegenden Brennelemente zu schmelzen. Explosionen zerstören die Gebäude. Wochenlang setzen die havarierten Meiler große Mengen radioaktiver Partikel frei, der Wind bläst einen Großteil davon über den Pazifik; dass die Wolke nicht über Tokio zieht, ist pures Wetterglück. 150.000 Menschen in der Umgebung des AKW müssen Haus, Heimat und Arbeitsstelle verlassen. Ein Ende der Katastrophe ist nicht abzusehen.

Ein Super-GAU ist auch in Deutschland möglich

Kein Atomkraftwerk der Welt ist sicher. Jeden Tag kann es in jedem Meiler zur Katastrophe kommen. Selbst Behörden und AKW-Betreiber bestreiten das nicht. Die laufenden AKW entsprechen allesamt nicht einmal dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik, den das Atomgesetz eigentlich fordert.


Beitrag zum Thema: "Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke" Wie sicher sind deutsche Atomkraftwerke eigentlich angesichts der Katastrophe in Fukushima? Wir fragen nach Schutzzonen und Krisenszenarien. Sendung von ARD/SWF (2016, 5 Minuten).


Atom-Risiko

Die Sicherheitssysteme der Reaktoren sind nur für bestimmte Unfälle ausgelegt. Diese sogenannten „Auslegungsstörfälle“ – auch als „größter anzunehmender Unfall“ oder „GAU“ bezeichnet – decken jedoch bei Weitem nicht alle Unfälle ab; „auslegungsüberschreitende Störfälle“ („Super-GAU“) sind jederzeit möglich. Fukushima ist dafür nur das jüngste Beispiel.

Stromausfall im Reaktor

Ein Stromausfall im Reaktor, der sogenannte „station blackout“, gehört zu den gefährlichsten Situationen in einem AKW. Im schwedischen AKW Forsmark versagten 2007 nach einem schlichten Kurzschluss außerhalb des Kraftwerks gleich mehrere Notsysteme, welche die Stromversorgung und damit die Kühlung des Reaktors sicherstellen sollten. Erst in letzter Minute gelang es, die Notstromgeneratoren doch noch zu starten; der Reaktor war da schon kurz vor dem Beginn der Kernschmelze. Im stellte sich zwei Jahre nach Inbetriebnahme heraus, dass alle vier Notstromgeneratoren denselben Fehler aufwiesen, im Zweifel also auch alle gleichzeitig hätten ausfallen können. Und das AKW Brunsbüttel lief 26 Jahre lang ohne ausreichende Notstromversorgung – angeblich ein „Planungsfehler“.

Unvorhersehbare Ereignisse

Die Erfahrung zeigt, dass immer wieder Dinge passieren, mit denen zuvor niemand gerechnet hat. Sei es ein Erdbeben, das doch stärker war, als die Sicherheitsnachweise vorgesehen hatten, oder ein schlimmes Unwetter mit Versagen der Notstromsysteme. Nicht übersehen werden darf, dass alle AKW von Menschen bedient werden – sie sollen nach offizieller Lesart im Notfall mit Handmaßnahmen das Schlimmste verhindern. Menschen machen jedoch Fehler, zumal unter Stress. Nicht zuletzt durch die Verkettung solcher und anderer unglücklicher Zufälle können schon kleinere Störungen in einem Atomkraftwerk zu Katastrophen führen.

Super-Gau in Deutschland hätte massive Folgen

Beim Super-GAU in Fukushima schleuderte das Grafit-Feuer radioaktive Stoffe sehr hoch in die Atmosphäre. Die radioaktive Wolke verbreitete sich aus diesem Grund äußerst weiträumig – der allergrößte Teil wehte direkt auf den Pazifik. In Deutschland würde eine radioaktive Wolke statt aufs Meer jedoch ausnahmslos über dicht besiedelte Gebiete treiben. Da deutsche AKW zudem kein Grafit im Reaktorkern haben, wären die Strahlenbelastung wesentlich konzentrierter; offizielle Berechnungen gehen davon aus, dass selbst in 170 Kilometer Entfernung die Gebiete so stark kontaminiert würden, dass sie auch langfristig unbewohnbar bleiben würden.

Schwachstellen der AKW

Die noch laufenden AKW in Deutschland wurden allesamt in den 1970er und 1980er-Jahren gebaut und so steigt die Unfallwahrscheinlichkeit durch Materialermüdung mit jedem weiteren Betriebstag. Die allerorten improvisierte Nachrüstung der alten AKW ist riskant, weil es viele Original-Ersatzteile längst nicht mehr gibt.

Schwachstelle: Reaktorgebäude und Sicherheitsbehälter/Containment

Selbst das dickste Reaktorgebäude (1,80 Meter, z.B. Emsland) schützt nicht vor einem großen Flugzeug. Gefahren drohen vor allem den älteren Anlagen bei Erdbeben, Erdeinbrüchen im Untergrund, Hochwasser und Überschwemmungen. Die Sicherheitsbehälter der AKW bestehen in Deutschland zudem fast immer nur aus Stahl, der besonders bei alten Modellen ziemlich dünn ist und bei Unfall zu platzen droht oder binnen Minuten durchschmelzen kann.

Schwachstelle: Reaktordruckbehälter, Rohre und Armaturen

Der Reaktordruckbehälter mit Reaktorkern und Brennstäben sowie Rohre und Armaturen eines AKW müssen massivem Druck und sehr hohe Temperaturen standhalten – extreme Belastungen, die die Gefahr von Rissen durch Materialermüdung stetig erhöhen. Auch werden Rohre in AKW immer wieder undicht; bei ihnen sind zudem die Schweißnähte besondere Schwachstellen. Die Vergangenheit hat zudem gezeigt, dass Fehlstellungen bei Armaturen und Ventilen die intakte Kühlungselektronik des Reaktorkerns gefährden.

Schwachstelle: Kühlung und Notstromversorgung

Weil AKW selbst noch nach dem Herunterfahren oder einer Schnellabschaltung tagelang gekühlt werden müssen, ist ein Ausfall der Notstromversorgung eine der gefährlichsten Situationen im AKW und die Vorstufe zum Super-GAU. Viele Notstrom-Dieselgeneratoren sind und waren in der Vergangenheit jedoch äußerst störanfällig. Die Kühlsysteme in einem AKW beruhen zudem fast immer auf einer Wärmesenke durch Flusswasser. Kommt es zu Hochwasser ist diese Kühlmöglichkeit jedoch bedroht – ebenso gerät die Stromversorgung in Gefahr, die für den Betrieb der Pumpen unabdingbar ist.

(Kein Schutz durch) Katastrophenschutz

Katastrophenschutz Atomunfall
Foto: Bente Stachowske Demonstrant protestiert im "Strahlenschutzanzug"

Ein effektiver Schutz der Bevölkerung gegen die Folgen eines Super-GAUs ist praktisch nicht möglich. Das zeigt auch ein kritischer Blick in die , die stets davon ausgehen, dass bei einem Reaktorunglück ausreichend Zeit für eine Evakuierung bleibt und sich die Folgen eines Atomunfalls zeitlich und räumlich eng begrenzen ließen. Die Realität jedoch sieht anders aus: Ist der Reaktor- bzw. Sicherheitsbehälter des AKW beschädigt, werden radioaktive Stoffe völlig unvermittelt freigesetzt und eine radioaktive Wolke breitet sich innerhalb weniger weniger Stunden aus. Was in den Katastrophenschutzplänen ebenfalls nicht berücksichtigt wird: Die Windrichtung kann sich drehen und unterschiedliche Gebiete kontaminieren – in der Theorie geht man hingegen davon aus, dass jeweils nur ein Sektor von Strahlung betroffen ist und evakuiert werden muss.

Keine Haftpflicht – sonst wäre Atomkraft längst passé

Berechnet man die realistischen Folgekosten eines Reaktorunfalls, nehmen diese astronomische Ausmaße an, denn dazu gehören streng genommen: Kosten für Behandlungen und Versorgung erkrankter Menschen, entgangene Verdienstmöglichkeiten, Entschädigungen für Angehörige, Kosten für die Beseitigung von Naturschäden und Trinkwasserverschmutzungen, Geld für die Wiederherstellung von Infrastruktur, Schadensersatzzahlungen für Produktionsausfälle sowie volkswirtschaftliche Schäden aus der Sperrung von Gebieten und Konsumverboten von Nahrungsmitteln. Nach offiziellen Berechnungen kommen Versicherungsprofis damit auf einen zu erwartenden Maximalschaden von rund 6.090 Milliarden Euro.

Kosten trägt die Allgemeinheit

Die Haftpflichtversicherung und Deckungsvorsorge der vier AKW-Betreiber in Deutschland deckt jedoch nur einen lächerlichen Bruchteil dieser Summe ab: Ganze 2,5 Milliarden Euro. Zwar haften die Stromkonzerne laut Atomgesetz formal unbegrenzt mit ihrem gesamten Vermögen, aber auch das würde nur 0,12% bis 1,6% der Schadenssumme abdecken. Die Kosten trägt also in jedem Fall die Allgemeinheit. Müssten die AKW-Betreiber wie bei jeder anderen Technologie auch, das tatsächliche Risiko ihrer Anlagen versichern, wäre schnell klar: Atomstrom ist vollkommen unrentabel.

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