Atomkraftwerk Philippsburg 1
Im baden-württembergischen Philippsburg wurden an einem Standort zwei unterschiedliche Reaktortypen gebaut: Ein Siedewasser- (stillgelegter Block 1) und ein Druckwasserreaktor (Block 2). In einer Zwischenlagerhalle wird der hochradioaktive Atommüll gelagert.
Das AKW Philippsburg-1 wurde im März 1980 in Betrieb genommen. Nach dem Super-GAU von Fukushima wurde das Kraftwerk am 17. März 2011 nach 32 Betriebsjahren zwangsabgeschaltet. Die Anlage wird von der EnBW betrieben. Wegen seiner zwei Kühltürme mit einer Höhe von jeweils 150 Metern war das Kraftwerk bis zu deren Sprenung im Mai 2020 schon von Weitem zu sehen.
Dass an einem Standort mehrere Reaktoren gebaut wurden, ist nicht ungewöhnlich. Das Abweichen von einem Reaktorkonzept auf mehrere – so wie in Philippsburg – fällt aber auf. Ursprünglich war die Errichtung von vier identischen Blöcken geplant, von denen aber nur der erste als Siedewasserreaktor der Baureihe 69 gebaut wurde. Aus politischen Gründen wurde 1977 der Block 2 als Druckwasserreaktor der Vor-Konvoi-Generation ausgeführt.
Abriss
„Der Schutz vor radioaktiver Strahlung muss oberste Priorität haben“, forderten Atomkraftgegner:innen schon 2015 und kritisierten die geplante Freigabe großer Mengen Abbau-Schrotts (das sogenannte „Freimessen“). Im April 2017 genehmigte das Umweltministerium Baden-Württembergs den Abriss nach Plänen des Betreibers.
Betreiber EnBW geht davon aus, dass der Abriss 15 Jahren ab Beginn dauert. Am 14. Mai 2020 wurden beide Kühltürme gesprengt.
Pannen, Protest & Zwischenfälle
Um 1980 wurde bekannt, dass in den AKW der Baureihe '69 Rohrleitungen mit schweren Mängeln eingebaut worden waren. 1980/81 musste Philippsburg-1 zum Austausch der Rohre über ein Jahr lang stillstehen. In Block 1 führten Lecks in etwa 20 Brennelementen am 1. Juli 1983 zu erhöhter Radioaktivität im Kühlwasser.
Am 23. Februar 2000 kletterten 40 Aktivist:innen von Greenpeace auf einen der Kühltürme. Auf einem Banner stand „Yello-Strom - Atomstrom abschalten!“. EnBW hatte mit einem gesonderten Atomstrom-Tarif ein bundesweites Billig-Angebot gestartet.
Am 24.9.2002 gelangten bei Reinigungsarbeiten etwa 700 Liter radioaktiv verseuchtes Wasser mit einer Gesamtaktivität von etwa 2,2 Millionen Becquerel in die Regenwasserkanalisation auf dem Gelände. 2004 gelangten bei Wartungsarbeiten 30 Kubikmeter leicht radioaktives Wasser in den Rhein.
Im März 2006 verschwand ein Schlüsselbund spurlos, das unter anderem Schlüssel zu den Sicherheitsredundanzen von Block 1 enthielt. Die Staatsanwaltschaft wurde eingeschaltet, einige hundert Schlösser ausgetauscht.
Am 7. Mai 2007 wurde das Schließen zweier Kleinarmaturen an der Personenschleuse des Sicherheitsbehälters beim Anfahren des Reaktors vergessen und es trat Stickstoff aus. Dieses Ereignis wurde der Kategorie E (Eilmeldung) und INES 1 zugeordnet. Anfang Juni 2008 wurde im Sicherheitsbehälter des AKW Philippsburg-I ein Leck entdeckt (erneut INES 1). Im Juni 2010 flossen 280.000 Liter Wasser aus dem Brennelementbecken.
Philippsburg 1 gehörte neben Brunsbüttel und Isar-1 zu den drei durch Flugzeugabstürze (insbesondere Terrorangriffe) am stärksten verwundbaren Atomkraftwerken in Deutschland.
Castor-Transport
Durch das gesetzliche Verbot der Castor-Transporte nach Gorleben wurden ab 2020 26 Castorbehälter aus der britischen und der französischen Wiederaufarbeitungsanlage auf Zwischenlagerhallen in Deutschland verteilt. Fünf Behälter aus La Hague (F) sind am 20. November 2024 nach Philippsburg gebracht worden. Auch die Gemeinde und der Betreiber wehrten sich gegen die Lieferung.
weitere Infos:
Südwestdeutsche Anti-Atom-Initiativen: Der seit über 10 Jahren bestehende Zusammenschluss parteiunabhängiger Gruppen der Anti-Atom-Bewegung aus Südwestdeutschland arbeitet für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen.