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20.10.2017 | von Jan Becker

Atomkraft ist am teuersten

Das Öko-Institut hat die Kosten neuer Stromerzeugungsanlagen verglichen. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) hat nicht im Strompreis enthaltene Zusatzkosten untersucht. Das Ergebnis: Erneuerbare Energien sind deutlich günstiger als Atomkraft.

Gesamtgesellschaftliche Kosten der Stromerzeugung
Foto: greenpeace energy / fös Gesamtgesellschaftliche Kosten der Stromerzeugung

Die staatlichen Subventionen sowie die Folgekosten der konventionellen Energie für die Umwelt werden im Strompreis nicht berücksichtigt, kritisiert der Ökoenergieanbieter Greenpeace Energy, in dessen Auftrag das FÖS die Studie erarbeitet hat. Für Stromkunden würden diese „EEG-Differenzkosten“, die 2017 rund 24,5 Milliarden Euro betragen, intransparent bleiben. Sie werden nämlich anders als die EEG-Umlage nicht auf den Strompreis aufgeschlagen.

Würde man diese Zusatzkosten nach der EEG-Methode auf der Stromrechnung ausweisen, müsste der Verbraucher im Jahr 2017 bis zu 11,5 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) zusätzlich bezahlen. Diese Milliardenkosten werden von der Gesellschaft stattdessen über Steuern oder Abgaben aufgebracht.

„Dass Atom- und Kohlekraftwerke einen Gutteil der von ihnen verursachten Kosten nicht einpreisen müssen, stellt eine eklatante Marktverzerrung zu Lasten der erneuerbaren Energien, aber auch aller Verbraucherinnen und Verbraucher dar“, kritisiert Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy.

Die FÖS-Wissenschaftler haben sämtliche staatliche Finanzhilfen, Steuervergünstigungen sowie gesamtgesellschaftliche Belastungen durch Umwelt- oder Gesundheitsfolgen der verschiedenen Energieträger miteinander verglichen. Im Ergebnis trägt die Gesellschaft im Jahr 2016 umgerechnet Kosten von 9 ct/kWh Windstrom und 8,9 ct/kWh Wasserstrom. Die Gesamtkosten für Strom aus Atomkraftwerken beläuft sich auf mindestens 15,1 ct/kWh.

Es handle sich um eine „eklatante Marktverzerrung“ zu Lasten der erneuerbaren Energien, heisst es in der Studie. Bei Berücksichtigung der Zusatzkosten in der Kostenkalkulation wären erneuerbare Energien größtenteils heute schon auch ohne Förderung wettbewerbsfähig.

Um allen Energieträgern gleiche Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen, empfehlen die Autoren unter anderem, die Subventionen für klimaschädliche Energieträger zu streichen und einen nationalen Mindestpreis für CO2-Emissionen einzuführen. Vorerst jedoch müsse die EEG-Förderung unbedingt erhalten bleiben „um die Benachteiligung der Erneuerbaren durch versteckte Kohle- und Atomsubventionen wenigstens teilweise abzumildern – und damit unterm Strich höhere Energiekosten zu verhindern“, fordert Keiffenheim.

Erneuerbare Energien künftig immer günstiger

Bereits im August legte das Öko-Institut eine Untersuchung der Kosten neuer Stromerzeugungsanlagen vor. Darin wird die immer größere Diskrepanz zwischen den Strompreisen der einzelnen Energieträger sehr deutlich. Betrachtet werden zahlreiche Länder der Welt.

Onshore-Windkraftwerke in Deutschland produzieren demnach zu Erzeugungskosten von unter 6 ct/kWh, in Ländern mit stärkerem Windangebot sogar unter 5 ct/kWh. Offshore-Windkraftwerke in Nordeuropa werden künftig unter 6 ct/kWh produzieren. Größere Photovoltaikanlagen in nördlichen Regionen erzeugen Strom zu Gesamtkosten von deutlich unter 7 ct/kWh, in südlichen Regionen teilweise deutlich unter 4 ct/kWh.

Für die Stromerzeugung in neu gebauten Atomkraftwerken in den USA errechnete das Ökoinstitut künftig Kosten von 9 bis 12,5 ct/kWh. In Europa ergeben aktuelle Analysen Werte von 10 bis 14 ct/kWh. Die Einspeisevergütung für das geplante AKW Hinkley Point C in Großbritannien soll 10,9 ct/kWh betragen.

Die Untersuchung weist explizit darauf hin, dass die Kostenschätzungen für Atomkraftwerke in keinem Fall eine volle Versicherung für große Unfälle einschließen und die Entsorgungskosten für die radioaktiven Abfälle nur sehr schwer abzuschätzen sind.

„Festzuhalten bleibt auch, dass der Prozess der Kostensenkung für Wind und Solaranlagen noch lange nicht abgeschlossen ist und die Kosten auch in den nächsten Jahren weiter deutlich sinken werden“, so Dr. Felix Chr. Matthes vom Öko-Institut.

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Quellen (Auszug): dpa, zeit.de, greenpeace-energy.de, oeko.de; 01.08./11.10.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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